Hörspiellabor
Von Clowns im radiophonen Nirwana, Lampenläden in Frankfurt, Kneipen in Essen, vom Doomscrolling, dem Rausch und dem Rauschen hin zu radiophonen Weltuntergängen mit ihren Nachtrichen, von den Herausforderungen der Schwerhörigkeit hin zum Schwindel als Vertigo, den Fragen der psychiatrischen Lesbarkeit, Spannungen in der Waschstraße hin zu den Geschichten, die sich mit der Kunst des Knotenknüpfens verbinden - wir laden zu musikalischen und narrativen Hörerlebnissen ein.
Zahlreiche künstlerische Arbeiten sind in unserem speziellen Hörspiellabor an der KHM in den letzten Monaten entstanden, die auf vielfältige, audiophone und installative Weise unsere Wahrnehmungsvorgänge thematisieren und uns einen sinnlichen Eindruck verschaffen können, dass die akustische Welt eine wirkmächtige Instanz, ein komisches Labyrinth und phantasmatische Größe ist.
Das Hörspiellabor wurde betreut von Mara Genschel, Tobias Hartmann und Kathrin Röggla.
Kein Clown ohne Raum
Text: Sophie Rebentisch, Sound: Juri Lechthoff
Kein Clown ohne Raum© privat
Ein Hörspiel, in dem ein Clown eine Reise durch unmögliche Räume unternimmt, die sich zwischen Realität, Dystopie und Traum befinden.
Ist ein Clown noch ein Clown, wenn ihn niemand sieht? Kann man das Lachen verlernen? Und - ist das Nichts ein Publikum?
Aus den Öffnungen eines zurückgelassenen Lappenclown-Kostüms kommen anstelle der Extremitäten Kopfhörer, mit denen Sie in dieses Hörspiel und in diese Nicht-Räume eintauchen können.
Sophie Rebentisch© privat
Juri Lechthoff (*1998, Bielefeld) entwickelte in seinem Studium an der Kunstakademie Münster eine vielschichtige audiovisuelle Praxis, die Musikproduktion, performative Klangarbeiten, Filmvertonung und audiovisuelle Installationen umfasst. Im Zentrum seiner Arbeit stehen Feedback-Schleifen innerhalb technokratischer Strukturen. Aktuell studiert er im Master an der Kunsthochschule für Medien Köln.
Sophie Rebentisch (*1996 in Köln) bewegt sich zwischen textbasiertem und räumlich-skulpturalem Arbeiten, mit besonderem Interesse für Schnittstellen, (Zwischen-) Räume, Verwandlung, Formlosigkeit, Fragilität, Bühne, Mythen und querfeministische Perspektiven. Nach einem Kunststudium in Münster studiert Sophie jetzt Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien in Köln.
Rauschmittel
Farah Wind und Josephine Guentner
Ein akustischer Trip. Wir bewegen uns durch die Zeit, urbane Räume und rauschende Zustände, Nächte. Wir befinden uns im Transit. In Clubtoiletten, Skateparkanlagen und im Strahlungsnebel verweilen wir kurz. Fragmentiert und flüchtig begegnen wir den Protagonist*innen: einer Bahnfahrenden, zwei Girls, Personen, die sich auf romantische Weise strafbar machen. Und irgendwo im Hintergrund ein Schnarchen. Die Geräusche, die eigenständig agieren, sind u.a. die Pieptöne der Scanner, Wannen, die über Rollenbahnen rattern, krachende Durchsagen, Radiomusik, das Schreddern von Entsaftern. HVAC-Anlagen, Klimageräte, Lüftungsschächte, entferntes Turbinenbrummen, gedämpft durch Schallschutzglas. Rolltreppen- und Förderbandmotoren: ein breitbandiges, gleichmäßiges Luft- und Maschinenrauschen um 100–5000 Hz. Auf einer seltsamen Insel, einer Entsaftungsanlage, sitzt eine Frau. Kurz werden wir Zeug*innen ihres Telefonats. Ihre Stimme verliert sich. Das Rauschen wird zum temporären Ausweg oder zum Verhängnis, während es die dröhnende Leere der Moderne übertönt.
Text und Regie: Farah Wind & Josephine Guentner
Technische Realisation: Farah Wind und Emma Kreke
Dramaturgie und Komposition: Farah Wind
Josephine Guentner© privat
Guilia
„Hast du heute schon deine Skincare-Routine gemacht?“
Ein Dialog zwischen zwei vermeintlichen Freundinnen. Die eine mit dem perfekten Leben - ein speckiges Baby, ein hotter Stay-at-Home-Dad und dem eigenen erfolgreichen Business. Guilia scheint den Spagat zwischen Karriere, Familie und der eigenen Fuckability zu schaffen - und ist dabei auch noch sehr menschlich.
Sandra hingegen ist single und kämpft noch immer gegen ihr eigenes Spiegelbild an, von einem eigenen Unternehmen träumt sie noch und muss verbittert feststellen, dass sie mehr in die Beziehung steckt als ihre beschäftigte Freundin.
Ein Hörspiel über Selbstoptimierung, Social Media-Sucht und das scheinbare Versprechen nach dem gesünderem und schönerem Leben.
Lina Schuh begann nach einer Schreinerausbildung ihre fotografische Laufbahn 2023 in Leipzig und China. Vorwiegend behandelt sie autobiografische Themen zu Mutter-Tochter-Beziehungen, intergenerationalem Dialog und der Frage nach mehr Diversität in priviligierten Räumen. Seit 2024 an der KHM als Studentin der Medialen Künste, arbeitet sie derzeit an einem Analog-Film, den sie mit ihrer Mutter drehte über die Frage von Zugehörigkeit und Hoffnung.
Xenia - Der Ewige Transvestitenclub
Yohan Holtkamp, Toi Tautorus, Maria Babusch
Der Ewige Transvestitenclub© privat
Diese Ouvertüre für ein geplantes Theaterstück unter dem selben Namen öffnet wortwörtlich die Türen zu einer anderen Welt: dem Ruhrgebiet. Genauer: einer Kneipe im Ruhrgebiet.
In den schmuddeligen Innenräumen des Xenias treffen verschiedenste Figuren der queeren Arbeiter*innengeschichte aufeinander und trinken, lachen und schäkern, über die Grenzen der
Zeitlichkeit hinaus. Grundlage für die Arbeit ist das Leben der im Nationalsozialismus verfolgten trans Frau Toni Simon, die im Essener Nordern eine Gaststätte besaß.
Yohan Holtkamp© Chris Weiher/read together
Yohan Holtkamp ist Dichter und Performance-Künstler. Er studiert an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Seine Texte wurden in mehreren Anthologien veröffentlicht, u.a. im Jahrbuch der Lyrik und den horen. Performative Arbeiten waren zuletzt auf dem auftakt Festival und in der Temporary Gallery zu sehen. 2025 war er Resident am Center for Literature und Guest Lecturer ander Kunstakademie Münster.
Toi Tautorus kommt aus Recklinghausen, lebt in Köln und studiert nun Mediale Künste an der Kunsthochschule für Medien nach dem Studium der Medienkulturwissenschaft und Philosophie in Köln und Rom. Prosa von Toi Tautorus erschien in zahlreichen Zeitschriften. 2023 erhielt sie den Publikumspreis sowie den 2. Preis beim Kölner Förderpreis für junge Literatur und zuletzt den Hauptpreis des Frankfurter Romanfabrikschreiber:innen-Preises. Derzeit arbeitet Toi Tautorus an ihrem Debutoman.
Maria Babusch arbeitet als Autorin, Theatermacherin und Moderatorin. Ihre Lecture Performance "Hacker auf Estradiol" wurde u.a. zum Favoriten Festival 2024, dem Droste Festival und der Reihe Unruly Readings am Orangerie Theater Köln eingeladen. In 2025 kuratierte sie eine Reihe literarischer Veranstaltungen für die Temporary Gallery. Ihre Texte erschienen in Zeitschriften sowie online.
Die Nachtrichen
Die Nachtrichen© Luka Lenzin
Kennen Sie das, wenn Ihr Sprachzentrum über Nachrichten-Sprech stolpert und im freien Fall loslegt? Das Hörstück "Die Nachtrichen" kultiviert Echolalie, spiegelt und demontiert Phrasen, nötigt der Radiostimme den Dialog mit dem privaten Headspace ab. Wenn "50.000 Arbeitsplätze verlorengegangen" sind, warum geht die niemand suchen? Es treten außerdem auf: die Börsenkorrespondenz, ein Anrufer, das Staatsoberhaupt, ein Yoga-Teacher sowie der Chor internationaler Zuhörender.
Das Private ist politisch.
Luka Lenzin: Text, Regie, Stimme, Ton, Musik
Max Gausepohl: Ton, Musik
Arvild Baud, Iris Minich, Tobias Schülke, Vanessa Wohlrath: Stimme
Jul Gordon: Singende Säge
Luka Lenzin arbeitet in Köln und Hamburg mit Sprache, Musik und Zeichnung. In deren Anwendung schätzt they das Ungewöhnliche und wird stets nach Perspektivwechseln streben. Text-, Ton-Komposition und Performance für Ausstellungsräume, Comiclesungen, Fanzines, Hörstücke, Spaziergänge, Theater und in interdisziplinären Formaten. Zwei Graphic Novels – "Nadel und Folie" und "rpm" – sind erschienen bei Reprodukt Berlin.
Bruchstücke
Hörst du das auch?
Dieses leise Knacken und Knarzen, es knirscht und kracht.
Ist das die Gegenwart, die bröselt, bröckelt, bald zerbricht?
Paula Schneider© Thea Kleinhempel
Paula Schneider lebt zwischen Frankfurt am Main und Köln am Rhein. Sie arbeitet, vom Text ausgehend, in verschiedenen Medien. Sie hat Buchkunst an der Burg Giebichenstein in Halle (Saale) studiert und lehrt seit 2020 an der HfG Offenbach. Seit 2023 studiert sie an der KHM in Köln im Bereich Literarisches Schreiben.
Car Wash Drama
Ein zerstrittenes Paar versucht, ihre Beziehungsprobleme innerhalb eines 5-minütigen Waschprogramms in der Autowaschstraße zu lösen.
Nicola Bläs studiert Film mit Schwerpunkt Regie an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Zuvor hat er 6 Jahre lang als Kameramann beim Saarländischen Rundfunk gearbeitet, wo er 2019 seine Mediengestalter-Ausbildung abgeschlossen hat. Seine Kurzfilme liefen auf diversen deutschen Filmfestivals, u.a. dem Filmfestival Max Ophüls Preis.
Sarah
Text: Caroline Weyers, Sound Design: Bella Comsom, Sprecherin: Marlene Meissner
Ein Hörstück, das sich mit der Institutionalisierung weiblicher Körper innerhalb der Psychiatrie auseinandersetzt. Das Stück ist in Form eines Briefes geschrieben und adressiert „Sarah“, die sich seit elf Jahren in der geschlossenen Psychiatrie befindet. Die Patientin lebt abgeschottet von der Außenwelt, die Zeit scheint stillzustehen. Wie ist Erinnerung möglich, wenn ein Tag dem anderen gleicht? Durch welche Mechanismen behauptet sich das Persönliche einer Biografie innerhalb des streng reglementierten Alltags einer Psychiatrie? Um sich dem Leben der Insassin „Sarah“ abseits der Psychiatrie anzunähern, werden Reisen in die nahe Vergangenheit der 2000er Jahre unternommen.
Die Klänge aus der pubertären Kinderstube schweben über dem Text wie etwas, was Mark Fisher mit dem Konzept der Hauntologie belegt: eine Kulturlandschaft, die von „verlorenen Zukünften“ heimgesucht wird – den unerfüllten Versprechen der Moderne und Sozialdemokratien des 20. Jahrhunderts, die durch Neoliberalismus und kapitalistischen Realismus zunichte gemacht wurden. Der Diskurs richtet den Blick auf eine gesellschaftliche Wunde, derer man sich innerhalb der Mehrheitsgesellschaft noch nicht hinlänglich angenommen hat.
Bella Comsom© Simon Baptist
Caroline Weyers ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die in den Bereichen Film, Fotografie und Installation arbeitet. Die Auseinandersetzung mit dem Körper und seinen affektiven Potenzialen sowie die Kritik am sozialen Gefüge unseres Alltags spielen in ihrem Werk eine wichtige Rolle. Sie lebt und arbeitet in Köln.
Bella Comsom ist eine brasilianische transdisziplinäre Klangkünstlerin mit Sitz in Köln, außerdem Komponistin und Performerin, deren Arbeit experimentelle Musik, Spatial Audio und Installation miteinander verbindet. Ihre Praxis untersucht Erinnerung, Resonanz und die Politik des Klangs. Sie schafft immersive Umgebungen, die die physischen und affektiven Dimensionen des Zuhörens erforschen.
Cochlea - Die Abteilung für künstliche Ohren
Cochlea - Die Abteilung für künstliche Ohren© Elena Ubrig
Ich reise in die Stadt der Organe, um mein linkes taubes Ohr gegen ein künstliches Ohr einzutauschen. Hörtests und Untersuchungen mit spitzen Lupen werden vorgenommen. Es rauscht, knattert und fiept, dumpfe Stille hämmert aufs Trommelfell. Immer wieder erklingen Stimmen aus der Selbsthilfegruppe für Menschen mit künstlichen Ohren. Sie berichten aus der Zwischenwelt von Hören und Hörverlust und geben mir Ratschläge für meine Operation.
Elena Ubrig studiert Film an der Kunsthochschule für Medien und arbeitet als Regieassistentin für Hörspiel und Feature beim WDR.