The Parallaxe View - Neue Räume durch neue Perspektiven
Wenn die Wände immer näher rücken, wenn der Platz fehlt, um sich frei zu entfalten, dann braucht es Auswege. Gerade der künstlerische Blick zwischen die Grenzen der eigenen Wahrnehmung bietet die Möglichkeit, neue Räume zu erschließen, die zuvor in festgefahrenen Strukturen der Gesellschaft nicht vorgesehen waren. Mit steigendem Druck erhöht sich letztlich auch die Reaktionsgeschwindigkeit.
Studierende der Kunsthochschule für Medien sowie der Künstler Christian Haake schaffen beim Kölner Kongress einen Blick auf verborgene Freiräume.
Purple Thorn
Purple Thorn© Jolie Zhilei Zhou
Dieses Projekt entstand aus meiner Angst vor einem Krieg zwischen Taiwan und der VR China. Diese Angst speiste sich aus Träumen ebenso wie aus sozialen Medien. Daraus erwuchs das Bedürfnis, den Ursprung meiner Angst zu verstehen. Es erscheint notwendig, diese kleine Insel – Kinmen – erneut zu betrachten, auf die sich die Armee der Chinesischen Nationalpartei vor 80 Jahren zurückzog und die sie als militärischen Stützpunkt nutzte. Der Geruch des Krieges ist dort nie ganz verschwunden. Von den Pflanzenarten über die Esskultur bis hin zu den Wohnräumen formt alles eine eigentümliche Landschaft, die auf den Überresten militärischer Materialien basiert. Das Wiedererstarken der Pflanzen markiert das lange Schweigen der Insel und zugleich die Widerstandskraft – nicht nur der Pflanzen, sondern auch der Menschen.
Jolie Zhilei Zhou© Jeongan Choi
Jolie Zhilei Zhou (geboren in Guangzhou/Kanton, China) ist eine in Köln lebende Künstlerin, deren Praxis Fotografie und Schreiben umfasst und sich an den Schnittstellen von Alltag, Ideologie und verkörperter Wahrnehmung bewegt. In der Gegenüberstellung beider Elemente legt sie jene Ideologien offen, in denen wir leben. Sie absolvierte einen Honours B.A. in Visual Studies und Cinema Studies an der University of Toronto (2017) und studiert derzeit im postgradualen Programm an der Kunsthochschule für Medien Köln.
Australien – eine queere Reise in Bildern und Gedichten
Australien – eine queere Reise in Bildern und Gedichten© stef.
Australien ist eines der queerfreundlichsten Länder der Welt. In der Auseinandersetzung mit der lokalen queeren Kultur kann die eigene Queerness neu erfasst und betrachtet werden. Reisen in die Ferne um sich selbst besser zu kennen. Durch Fotos und Gedichte hat Stef eine Reise durch Australien dokumentiert, physisch wie psychisch.
Stef ist ein Künstler griechischer Herkunft, wohnhaft in Köln. Seit 2014 bereist Stef mit Texten zu Themen wie Queerness und mentaler Gesundheit die Kleinkunstbühnen im deutschsprachigen Raum. Stef ist Absolvent der Kunsthochschule für Medien Köln. Als Herausgeber veröffentlichte Stef die Anthologien „Fantastische Queerwesen und wie sie sich finden‘‘ sowie „Irre Schön: Poetry & Mental Health“ im Satyr Verlag. 2023 erschien das Solodebüt “Schwul. Sexy. Depressiv – Zwischen Pillen, Sex und Poetry“ ebenfalls im Satyr Verlag.
What's on the table belongs to everyone
Thea Kleinhempel - mit Vojta Novák und Jakub Čevela
What's on the table belongs to everyone© Thea Kleinhempel
Den Ursprung der Serie ist der Umbau eines bedeutenden Gebäudekomplexes in der historischen Altstadt von Prag in ein Luxushotel. Die früheren Bewohner*innen streifen durch ihr ehemaliges Zuhause auf der Suche nach Spuren ihres Zusammenlebens. Die Bilder lassen sich zeitlich und räumlich nicht eindeutig zuordnen und reflektieren so die universellen Prozesse von Gentrifizierung und spekulativen Bauprojekten über Generationen und Städte hinweg.
Der Satz „What’s on the table belongs to everyone“ war eine Regel für das Zusammenleben der Freund*innen. Im Kontext der Arbeit wird der Satz jedoch zu einem dringlichen Aufruf, der hinterfragt, wem eine Stadt gehört. Die Serie ist ein Versuch, vergangene und zukünftige Schichten eines Gebäudes und die Beziehungen, die sie schaffen, neu zu erschließen.
Thea Kleinhempel© Andreas Langfeld
Thea Kleinhempel ist Grafikdesignerin und Künstlerin aus Chemnitz und lebt und arbeitet in Köln. Sie arbeitet in den Bereichen Fotografie, Rapid-Prototyping-Techniken und Malerei und verbindet dabei traditionelles Handwerk und industrielle Produktionstechniken wie 3D-Druck, wodurch sie Fragen nach stereotypen geschlechtsspezifischen Disziplinen und Bildern aufwirft. Derzeit absolviert sie ein postgraduales Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln.
you
you ist ein autonomer Roboter, der seine Umgebung mithilfe von Machine-Vision und Laser-Sensoren präzise erfasst. Als Maschine, die sich als Milchkuh inszeniert, entwickelt you eine eigene Persönlichkeit: Abhängig von äußeren Reizen begegnet you den Besucher*innen mal zutraulich, mal zurückhaltend. Die Arbeit verweist zugleich auf einen realen Trend: In modernen Milchbetrieben werden Kühe mittlerweile rund um die Uhr von Deckenkameras überwacht, um ihr Verhalten algorithmisch auszuwerten. Indem you die Umgebung ähnlich lückenlos scannt, spiegelt der Roboter diese Praxis der Überwachung und macht sie unmittelbar erfahrbar. Die kalte Präzision der Algorithmen trifft auf warme Materialien.
Amon Ritz studiert seit 2020 Mediale Künste mit dem Schwerpunkt exMedia an der Kunsthochschule für Medien Köln. 2023 wurde Ritz als Stipendiat in die Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen. Gemeinsam mit dem kollektiv zugdirekt arbeitet Amon seit 2014 an freien, interdisziplinären Projekten, mit denen sie zahlreiche Nachwuchspreise gewannen. In eigenen zeitbasierten und skulpturalen Arbeiten beschäftigt Ritz sich mit Phänomenen der Wahrnehmung, Protokollen und Systemen der Bildsynthese.
Robin - a super assistant
Robin sollte eigentlich Kindern beim Lernen helfen, doch für diese Arbeit wurde sein Sprachalgorithmus manipuliert. Für das neue Sprachmodell des Lernroboters werden ausschließlich Videos von der Plattform TikTok genutzt. Die Interaktion mit dem Lernroboter zeigt ein dystopisches Szenario, in dem dieser durch seine ausgeprägte Vernetzung mit dem Internet aus den Algorithmen sozialer Netzwerke lernt. So wird der Nutzen von Robin, Kindern beim Lernen zu helfen und mit ihnen unbeschwert zu spielen, von schädlichen Echokammern infiltriert. Sinnbildlich ist sein Algorithmus in die Mannosphäre geraten, so wie es auch bei Nutzer*innen durch Empfehlungsalgorithmen häufig der Fall ist. Ziel ist es, mit jungen Menschen mittels Robin ins Gespräch zu kommen. Es ermöglicht kritische Perspektiven auf soziale Roboter, KI und ihre Zusammenhänge mit den sozialen Netzwerken.
Benita Martis© Paula-Marie Ritgen
Benita Martis ist Freelance Creative Technologist und arbeitet an den Schnittstellen zwischen angewandtem Design, künstlerischer Forschung und technischer Umsetzung. Ihr Ziel ist es, komplexe Inhalte zugänglich, erfahrbar und verständlich zu machen. Sie absolvierte ein Bachelorstudium in Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Interaktive Medien sowie ein postgraduales Diplom an der Kunsthochschule für Medien Köln. In ihrer medienkünstlerischen Arbeit konzentriert sie sich auf die Dynamik sozialer Netzwerke im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz und technischen Systemen. Dabei hinterfragt sie komplexe technologische Zusammenhänge kritisch und schafft zugleich Zugänge, die Mündigkeit und einen reflektierten Umgang mit Technologie fördern
White Elephant
Christian Haake: White Elephant, 2011, Filmstill© Courtesy der Künstler
Christian Haake interessieren Architekturen und ihr Zusammenspiel mit individuellen und kollektiven Erinnerungen und Imaginationen, bzw. der dadurch verlaufende Riss zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung. In seinen Modellen, konzeptionellen Arbeiten oder abstrakteren Tafelbildern, häufig sind es aus der eigenen Erinnerung nachgebaute Bilder oder Elemente von Bildern, die – teilweise als auf Form(en) reduzierte Annäherung – übertragen werden. Räume und Formen, die sich wiederholen, variieren, in Größe und Ausschnitt – Fragmente, die, aus Gesamtzusammenhängen gelöst, ein visuell-gedankliches Stolpern erzeugen können. Haake arbeitet an den Schnittstellen von skulpturalen und malerischen künstlerischen Verfahren, wobei auch verschiedene industrielle Techniken eingesetzt werden.
Christian Haake studierte Freie Kunst bei Prof. Yuji Takeoka an der Hochschule für Künste Bremen und schloss 2009 als Meisterschüler ab. Zuvor Ausbildung zum und Tätigkeit als Filmvorführer am Bremer Filmkunsttheater sowie Studium der Kunstwissenschaft und Philosophie an der Universität Bremen.
Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl): Kunsthalle Hamburg (2022), Kunsthalle Bremen (2022–23), Bundeskunsthalle Bonn (2022), Marta Herford (2021–22), MAMAM, Recife/Brasilien (2020); Spins/Circles/Abstracts, Kunsthalle Bremerhaven (2015); Museum für Gegenwartskunst Siegen (2014); museum of contemporary art, Novi Sad / Serbien
(2014); Kunstmuseum Bonn (2013); White Elephant, GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst Bremen ( 2011).