Kölner Kongress 2026

    Freiräume denken

    Brain covered with grass in the shape of a bonsai on grass field against sky.Digital composite
    Machine Learning concept © Getty Images / Francesco Carta fotografo
    Wissenschaftliche, künstlerische, mediale und selbst ökonomische Freiräume sind kein Luxus, sondern konstitutiver Bestandteil lebendiger Demokratien. Wo sie fehlen, wird Leben funktional und Denken defensiv. Es gilt, sie auszuloten!

    Was ihr den Geist der Zeiten heißt …
    Zum gegenwärtigen Streit zwischen Aufklärung und Romantik

    Keynote von Jürgen Kaube am 27.3. um 18.15 Uhr, Raum 1 (Foyer)

    Zwischen Daten und Deutung, Evidenz und Erfahrung, Fortschrittsglauben und Sinnsuche entstehen heute jene Konflikte, die unsere Zeit prägen: Misstrauen gegenüber Institutionen, Sehnsucht nach Authentizität oder Autorität, neue Formen der „Wiederverzauberung“ oder "alternative Fakten". Die intellektuelle Analyse unserer Situation steht dabei unter zwei gegensätzlichen Imperativen. Dem der Aufklärung, mittels Wissenschaft Licht und Verstand ins Dunkel zu bringen, und dem der Romantik, die Existenz dessen anzuerkennen, wovon es keine Wissenschaft gibt. Diese ideengeschichtliche Opposition bestimmt unsere Zeitdiagnosen bis heute. 
    Sendung Dlf Essay und Diskurs, Sonntag 19.4.2026, 9.30 Uhr
    Jürgen Kaube
    Jürgen Kaube © Frank Röth / Röth, Frank

    Jürgen Kaube, geboren 1962, ist Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2015 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis. Er hat unter anderem eine beachtliche Max Weber-Biographie geschrieben ("Max Weber – Ein Leben zwischen den Epochen", 2014) und für "Hegels Welt" (2021) ist er mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet worden. Mit seinen Büchern "Otto Normalabweicher" (2007) oder "Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder" (2019) mischt er sich immer wieder in aktuelle Debatten ein, dazu gehört auch das mit dem Soziologen André Kieserling geschriebene Buch "Die gespaltene Gesellschaft" (2022).

    FREI RÄUMEN! - (K)ein Planspiel zur radikalen Reformation des Radios

    Vortrag von Mathias Greffrath am 28.3. um 10.30 Uhr, Raum 1
    Im Morgennebel nach der Verleihung des Bambis sitzen ein Intendant, ein Redakteur, ein Medienmogul und ein Podcaster auf den Stufen des Konzerthauses in Berlin-Mitte. Sie machen sich Gedanken über die Gefährdung der Demokratie und die Erosion der Kultur, und sie beklagen den Zustand der Medien, die Zaghaftigkeit der öffentlich-rechtlichen Anstalten und den Wankelmut ihrer Insassen. Vor allem aber lieben sie das Radio. Und noch bevor die Straßenreiniger ihre Schicht beginnen, haben sie einen Plan zur Belebung der Öffentlichkeit, zur Vitalisierung der Kultur und zur Intensivierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts entworfen.
    Sendung Dlf Essay und Diskurs, Sonntag 12.4.2026, 9.30 Uhr
    Mathias Greffrath
    Mathias Greffrath © imago images / Future Image / Christoph Hardt

    Mathias Greffrath, Jahrgang 1945, ist Soziologe und Journalist. Er lebt in Berlin, arbeitet unter anderem für die „taz", die „ZEIT" und den Rundfunk. In den letzten Jahren hat er sich in Essays, Hörspielen und Kommentaren mit den sozialen und kulturellen Auswirkungen von Globalisierung und Klimawandel beschäftigt.

    Ein bisschen Fliegen ist doch kein Problem – Wie weit geht die Verantwortung für den Klimawandel?

    Gespräch mit Frauke Rostalski am 28.3. um 11.30 Uhr, Raum 1
    Kaum eine Debatte ist derzeit stärker moralisch aufgeladen als die um die Folgen des menschengemachten Klimawandels. Selbst dann, wenn man diese Grundvoraussetzung ebenso anerkennt, wie den Kampf gegen die steigende Erderwärmung als Menschheitsaufgabe versteht. Für die Rechtswissenschaftlerin Frauke Rostalski verfehlen nationale Alleingänge und moralische Appelle das Ziel, denn Klimawandel ist ein globales Problem, das nur global gelöst werden kann. Individuelle Maßnahmen sind nicht effektiv wirksam. Politik und internationale Zusammenarbeit nämlich müssen wirksame Rahmenbedingungen schaffen. Erst dann braucht es staatsbürgerliche Mitwirkung.
    Sendung Dlf Essay und Diskurs, Sonntag 26.4.2026, 9.30 Uhr
    Frauke Rostalski
    Frauke Rostalski© Sebastian Knoth

    Frauke Rostalski ist Professorin für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität zu Köln. Zuletzt sind von ihr die Bücher „Der Tatbegriff im Strafrecht“ (2019), „Die vulnerable Gesellschaft – Die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit“ (2024) und "Wer soll was tun" (2025) erschienen. Seit 2020 ist sie zudem Mitglied des Deutschen Ethikrats.

    Freiräume – Zwischen Wandel und Widerstand

    Vortrag von Claudia Emmert am 28.3. um 12.30 Uhr, Raum 1
    Abwertende populistische Diskurse verändern die kulturelle Dynamik von Gesellschaften: Othering, Cancel Culture und öffentlichen Anprangerungen sind die Folge. Wenn das Persönliche politisch instrumentalisiert wird, verschwinden wesentliche Freiräume einer demokratischen Gesellschaft.
    In den Freiräumen von Kunst und Kultur wird die Gestaltung von Zukunft verhandelt. Daher sind Freiräume – und dazu zählen auch die Museen und ihre Programme – von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung und die Stärkung der Demokratie. Sie sind unverzichtbar, wenn es darum geht ein harmonisches und funktionierendes Zusammenleben diverser Gesellschaften zu fördern. Inzwischen prägen Selbstzensur und Vermeidungsstrategien das Programm einzelner kultureller Institutionen. Der Schutz dieser Freiräume ist daher das Gebot der Stunde.
    Sendung Dlf Essay und Diskurs, Sonntag 10.5.2026 , 9.30 Uhr
    Claudia Emmert
    Claudia Emmert© Bundesstadt Bonn / Sascha Engst

    Claudia Emmert ist Intendantin des Kunstmuseums Bonn. Davor war sie 11 Jahre lang als geschäftsführende Direktorin des Zeppelin Museums Friedrichshafen tätig. Während ihrer Amtszeit wurde das Museum mehrfach ausgezeichnet, u.a. für innovative und nachhaltige Museumskonzepte. Claudia Emmert ist seit 2023 Mitglied im Vorstand von ICOM Deutschland und im Deutschen Kulturrat. Außerdem ist sie Mitglied der Ankaufskommission der Bundeskunstsammlung.

    Aus Bestehendem schöpfen – Das Potenzial obsoleter Stadträume

    Vortrag von Sabine Tastel am 28.3. um 14.30 Uhr, Raum 1
    Unsere Großstädte stehen unter enormem Druck. Es werden Flächen benötigt – für neue und bezahlbare Wohnungen, Grünräume, soziale Infrastrukturen und eine nachhaltige Mobilität. Doch wo sind diese zu finden? Ein Wachstum der Städte nach außen ist schon lange keine Lösung mehr: Jede neu versiegelte Fläche vernichtet wichtige Natur- und Agrarräume und beschleunigt den Klimawandel.
    Aber: Unsere Städte besitzen eine entscheidende Ressource. Vom Kaufhaus über das Kino bis zum Parkplatz und Friedhof – immer mehr Gebäude und Flächen fallen aus der Nutzung. Treiber dieser Entwicklung sind die Megatrends Digitalisierung, Verkehrswende und Wandel der Religiosität.
    Vor dem Hintergrund der planetaren Grenzen stellt die Transformation obsoleter Stadträume die entscheidende Ressource für eine zirkuläre Stadtentwicklung dar. Es genügt jedoch nicht Gebäude für Gebäude, Fläche für Fläche umzunutzen, ohne das Ganze im Blick zu haben – damit das Obsolete zur Quelle einer nachhaltigen Stadtentwicklung wird.
    Sendung Dlf Essay und Diskurs, Sonntag 14.5.2026, 9.30 Uhr
    Sabine Tastel
    Sabine Tastel© Sabine Bethge

    Sabine Tastel (*1987) ist Professorin für Stadt- und Freiraumgestaltung an der Technischen Hochschule Köln. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Wahrnehmung und Transformation von Stadträumen. Aktuelle Forschungen befassen sich mit urbanen Erinnerungskulturen und der sozialräumlichen Bedeutung von Tankstellen. Sie war Co-Autorin des Buches „Die obsolete Stadt – Wege in die Zirkularität“ (2025) und Mit-Herausgeberin der Publikation „Die Bodenfrage – Klima, Ökonomie, Gemeinwohl“ (2020).

    Der lange Atem – Wie können Freiräume durch eine Politik der kleinen Schritte verteidigt werden?

    Gespräch mit Solmaz Khorsand am 28.3. um 15.30 Uhr, Raum 1
    Sie galt als Maßstab fürs Gelingen, eine Politik der kleinen Schritte. Heute geht’s um populistische Maßnahmen, schnelle Erfolge. Das gilt mittlerweile für unsere Kultur im Ganzen: Abnehmspritze statt langwieriger Diät, jäher Beziehungsabbruch statt gründlicher Auseinandersetzung. Wir leben offenbar in einer Zeit, die das Aushalten verlernt hat.
    Aber genauer betrachtet erweist sich der lange Atem auch heute noch als Fähigkeit, Rückschläge auszuhalten und weiterzugehen, auch wenn nichts spektakulär wirkt.
    Solmaz Khorsand
    Solmaz Khorsand© Paul Pibernig

    Solmaz Khorsand ist Journalistin, Buchautorin und Podcasterin. Sie hat u.a. gearbeitet für die Zeit, derstandard.at, die Wiener Zeitung und das Magazin Republik. 2021 erschien ihr Buch "Pathos", 2024 ihre Bücher "untertan. Von braven und rebellischen Lemmingen" und "Unverdächtig. Ein Geständnis". Zudem nahm sie am Artist in Residence-Programm der Kulturhauptstadt Salzkammergut teil.

    Last Frontier - Die Tiefsee als letzter Freiraum des Planeten Erde

    Vortrag von Claus Leggewie am 28.3. um 16.30 Uhr, Raum 1
    In einer noch nicht erschienenen Karikatur des New Yorker sieht man ein mit einer Tafel „Privat! Kein Durchgang!“ bezeichnetes Tiefseegrundstück. Der Besitzer unter der Taucherglocke bewacht es mit einer Harpune; er ähnelt Präsident Trump, der Trümmerlandschaften in Touristenparadiese verwandeln und Grönlandeis für den Abbau seltener Erden schmelzen kann. In der Tiefsee will er sich mit seinen Kumpanen nun den letzten Freiraum in der Tiefsee privat aneignen.
    Das ist kein Witz. Betrachtet man jedenfalls die lange Geschichte der Rohstoffausbeutung, die Berge in Kupferminen und Regenwälder in Maisplantagen verwandelt, die Ozeane leergefischt und Strände in mit Offshore-Plattformen verziert hat.
    Die Tiefsee ist das letzte Beispiel für einen niemand und allen gehörenden Freiraum, der bedroht ist und dessen nicht-menschlichen Bewohner dringend geschützt werden müssen.
    Sendung Dlf Essay und Diskurs, Sonntag 3.5.2026, 9.30 Uhr
    Claus Leggewie
    Claus Leggewie© Georg Lukas

    Claus Leggewie, Jahrgang 1950, ist Professor für Politikwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik. Von 2007 bis 2017 war er Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen.

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