Deutsche Kunstförderung im Ausland

    Hinter den Türen der Villa

    43:47 Minuten
    Zu sehen ist die Villa Massimo, ein in orangetönen gehaltenes Gebäude
    Die Villa Massimo - deutsche Enklave oder Ort des lebendigen Austauschs? © Deutschlandradio/Aurelia Sorrento
    Von Aureliana Sorrento · 03.12.2021
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    Die Villa Massimo in Rom ist ein Ort, dessen Name besonders in den Ohren deutscher Kunstschaffender verheißungsvoll klingt. Seit über 100 Jahren werden sie hierher eingeladen, um in idyllischer Atmosphäre ihrer Arbeit nachzugehen. Aber was genau verbirgt sich hinter den Mauern des Anwesens?
    Eine ockerfarbene, drei Meter hohe Mauer und ein zackenbewehrtes Eisentor trennen das Gelände der Villa Massimo vom restlichen Quartiere Nomentano, einem Wohnviertel im Norden von Rom. „Deutsche Akademie Villa Massimo“ steht auf einer Tafel links neben dem Tor. Heute befinden sich die meisten Villen im Besitz der Stadt, weshalb deren Parks öffentlich zugänglich sind. Die Villa Massimo aber ist Eigentum der Bundesrepublik Deutschland. Und wer das Eisentor passieren darf, gehört meist zur Crème de la Crème der deutschen Kulturelite.

    Eine prunkvolle Künstlerresidenz

    Jährlich halten sich neun ausgewählte deutsche Kunstschaffende – Künstlerinnen, Architekten, Schriftstellerinnen und Komponisten – zehn Monate lang in der Villa auf. Der Aufenthalt ist Teil des Rom-Preises – einer der renommiertesten Auszeichnungen, die Deutschland seinen Künstlern und Künstlerinnen zu vergeben hat. Zehn große Wohnateliers, die sich in zwei langgestreckten Gebäuden an der Südseite des Anwesens wie Reihenhäuser aneinander anschließen, stehen den Stipendiaten zur Verfügung. Das repräsentative Haupthaus, wird als Verwaltungs- und Direktionsgebäude genutzt.
    Ich treffe den Künstler Carsten Saeger im Studio 10. Der Raum, den ich durch eine vierflügelige Tür betrete, ist 80 Quadratmeter groß und hat sechseinhalb Meter hohe Decken. 1910, als die Villa und die Ateliers gebaut wurden, ging man davon aus, dass deutsche Bildhauer darin auch Reiterstandbilder erschaffen würden – daher die gigantische Deckenhöhe. Durch Sprossenfenster, die über das Schrägdach fast bis zum First hinaufreichen, fällt von Norden sanftes Licht hinein.
    Carsten Saeger, Jahrgang 1988, aus Halle an der Saale, ist bildender Künstler. Vor der Eingangstür hat er eine Wand aus gestapelten Wasserkästen aufgestellt. 52 Kästen, die insgesamt 600 Flaschen beinhalten. Dies sei voraussichtlich sein gesamter Wasserverbrauch während seines Rom-Aufenthalts, erklärt er. Die Wand aus Wasserkästen sei also eine Art Wasseruhr. Zugleich ist „Wasser“ das Arbeitsthema, unter das der Künstler seine Residenz-Zeit gestellt hat.
    Der Künstler Carsten Saeger vor seiner Wand aus gestapelten Wasserkästen
    Der Künstler Carsten Saeger vor seiner Wand aus gestapelten Wasserkästen© Villa Massimo

    „Wasser“ als verbindendes Thema

    Auf den hellblauen Wasserkästen prangt rot der Markenname Egeria – der Name einer Nymphe, mit der sich der Sage nach der zweite König von Rom, Numa Pompilius, in einer Grotte traf. Die Geliebte diktierte dem König die Gesetze, mit denen er Rom regieren sollte. Als Numa Pompilius starb, erzählt Ovid, löste sich Egeria aus Kummer in Tränen auf und verwandelte sich in eine Quelle. „In dieser Geschichte sieht man schon die Bedeutung des Mediums Wasser für diese Stadt. Rom ist eigentlich eine Stadt des Wassers.“ Eine Tatsache, die den Künstler deshalb interessiert, weil sie Rom mit seiner Heimat Sachsen-Anhalt verbindet: „Im Wörlitzer Park, unweit von Dessau, gibt es einen exakten Nachbau der Egeria-Quelle“, sagt er. Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau hatte mit dem Park, den er ab 1769 an einem Seitenarm der Elbe anlegen ließ, eine Art Klein-Italien im Sinn. Deshalb ließ er nebst einem Pantheon und einem Wörlitzer Vesuv auch eine „Grotte der Egeria“ nach dem Vorbild des Nymphäums errichten, das er in Rom an der Via Appia besichtigt hatte.
    Im ersten Monat seines römischen Aufenthalts hatte er wenig Zeit für individuelle Entdeckungstouren durch die Ewige Stadt, erzählt Carsten Saeger. Es gab eine Reihe von Einführungs-Veranstaltungen, die die Direktion der Villa Massimo organisierte, um die Stipendiaten mit der Kunst- und Kulturszene Roms bekannt zu machen. Jetzt aber will der Künstler Erkundungen entlang der Wasserleitungen, die zum Teil auf römische Aquädukte zurückgehen, beginnen. Er hat sich zunächst die „Acqua Felice“ vorgenommen. Die Leitung verbindet eine Quelle im Umland von Rom mit dem Stadtzentrum und war ursprünglich ein antikes Aquädukt, das im Mittelalter beschädigt wurde. Sixtus der Fünfte, 1585 zum Papst gewählt, ließ die Leitung wiederherstellen. Und wie es in der Renaissance üblich war, ließ Sixtus entlang der Acqua Felice zum Teil prächtig gestaltete Brunnen bauen.

    Die Brunnen Roms als Inspirationsquelle

    Wir fahren ins Stadtzentrum, um einige Brunnen der Acqua Felice zu besichtigen. Der Brunnen auf dem Platz della Madonna dei Monti ist unsere erste Etappe. Dann laufen wir bergauf zum Platz vor dem Quirinalspalast. Vor der ehemaligen päpstlichen Residenz, heute Sitz des italienischen Staatspräsidenten, steht ein bemerkenswertes Ensemble. Zwei Athletenstatuen, jede die Faust gen Himmel streckend, flankieren rechts und links einen Brunnen, der aus zwei übereinander gelegten Becken besteht. Zwischen den Statuen, die nach den mythischen Zwillingsbrüdern Castor und Pollux „Dioskuren“ genannt werden, ragt ein Obelisk empor. Aus dem Buch „Die Brunnen von Rom“ liest Saeger vor, dass die Statuen der Dioskuren den Konstantin-Thermen entnommen wurden, eines der Becken dem Forum Romanum, und der Obelisk aus dem Mausoleum des römischen Kaisers Augustus. Eine typisch römische Form von Recycling, die sich über Jahrhunderte bewährt hat – für den ostdeutschen Künstler aber eine Entdeckung.
    Der Brunnen vor dem Quirinalspalast - eine typische Form von römischem Recycling
    Der Brunnen vor dem Quirinalspalast - eine typische Form von römischem Recycling© Deutschlandradio/Aurelia Sorrento
    Dass in Rom Bruchstücke älterer Bauten und Reste verschiedener Epochen im Laufe der Jahrhunderte zusammengefügt worden sind, um Neues zu schaffen, beeindruckt Carsten Saeger: „Hier wird mit der Vergangenheit anders umgegangen“, sagt er. „Das gibt’s in nordeuropäischen Städten nicht. Der Umgang mit den Ruinen ist bei uns ein anderer, ein destruktiverer vielleicht.“ Ein paar Straßen und Überlegungen weiter findet Saeger darin auch eine Entsprechung zu seinem künstlerischen Schaffen. Das sei fragmentarisch und bestehe aus disparaten Teilen: „Eine Arbeit ist bei mir nie ‚ein Werk‘. Das kann ein Video sein, dann auch eine Installation, je nachdem wie es zu den Materialien passt. Und ich glaube, dass das eben zu dieser Stadt ganz gut passt.“

    Eine geschichtsträchtige Anlage

    Nach dem römischen Recycling-Prinzip verfuhr auch der Maler und Architekt Maximilian Zürcher bei der Gestaltung des Parks der Villa Massimo: Fundstücke, die auf dem Grundstück und in der Umgebung ausgegraben wurden, verwendete er als Gartenschmuck: Reliefs, antike Statuen, Sarkophagen, Brunnen. Das erzählt mir Julia Draganovic bei einem Spaziergang durch den Park. Sie leitet die Villa Massimo seit 2019 und hat eine beachtliche internationale Karriere als Kuratorin für zeitgenössische Kunst hinter sich. Nach all dem, was man in Rom über sie hört, hat sie frischen Wind ins Haus gebracht.
    Als wir uns an einem sonnigen aber windigen Tag vor dem Eingang des Haupthauses treffen, erzählt sie mir dessen Geschichte: Anders als die französischen Künstler, die schon 1666 vom Staat mit der Villa Medici eine stattliche Residenz in Rom bekamen, verfügten deutsche Künstler bis 1910 über keine feste Bleibe in Rom. Die Königlich Preußische Akademie der Künste vergab den Rompreis zwar schon seit dem 18. Jahrhundert an ausgewählte Künstler, aber eine Unterkunft mussten sich die Preisträger selber suchen.
    So war es der Berliner Unternehmer und Kunstmäzen Eduard Arnhold, der die Sache in die Hand nahm. 1910 erwarb er einen Teil des Anwesens im Norden von Rom und gab Maximilian Zürcher den Auftrag, sowohl eine Villa als auch ein Gebäude mit Ateliers zu entwerfen, die den Ansprüchen der Künstler an Arbeits- und Wohnräumen entsprechen sollten. 1913 waren Ateliers und Haus bezugsfertig. Dann schenkte Arnhold Grundstück und Immobilien dem preußischen Staat – unter der Bedingung, dass die Villa auch in Zukunft als Künstlerresidenz verwendet werden sollte. 1913 konnten die ersten Rompreisträger in die Wohnateliers einziehen.
    Julia Draganovic schaut lächelnd aus dem Profil in die Kamera
    Die Direktorin der Villa Massimo Julia Draganovic© Villa Massimo/Alberto Novelli

    Austausch und Ruhe sind wichtig

    In den letzten zwei Jahren hat sich viel getan in der Villa Massimo. Weil der englische Garten, den Zürcher anlegte, in den dürren römischen Sommern extrem viel Wasser braucht, wurde der Park zu einem nachhaltigeren Garten umgestaltet. Außerdem hat Julia Draganovic daran gearbeitet, den Austausch zwischen den Stipendiaten in der Villa und der römischen Außenwelt zu intensivieren.
    Die Villa Massimo, der zeitweise der Ruf einer undurchdringlichen deutschen Enklave anhing, unterhält inzwischen Kontakte zu italienischen Kunst- und Kulturinstitutionen, aus denen sich bereits gemeinsame Projekte ergeben haben.
    „Ich glaube auch nicht, dass wir hier allein, wie ich das häufig gehört habe, ein Schaufenster deutscher Kultur sein wollen,“ sagt Draganovic. „Ich glaube fest daran, dass es hier ein Wechselspiel geben muss, zwischen Deutschen und Italienern. Diese Gratwanderung zwischen ‚einen Schutzraum schaffen‘ und ‚einen Freiraum für Kreativität‘ und gleichzeitig eine Durchlässigkeit herzustellen, das ist ein schwieriges Unternehmen, da muss immer wieder justiert werden. Aber unser Bemühen geht schon dahin, dass, wer hierher kommt, natürlich Anregung aus der großen Vielfalt des römischen Kulturlebens erhält. Und dass es auf diese Art und Weise ein Wechselspiel der Kräfte gibt.“
    Der Garten den Villa Massimo
    Der Garten den Villa Massimo© Deutschlandradio/Aurelia Sorrento
    Kulturpolitik dürfe nicht als „Instrument der Außenpolitik“ missverstanden werden, sondern vielmehr als kreative Möglichkeit zum internationalen Austausch, erklärt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel im anschließenden Gespräch. 2019 hat sie im Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen die Studie „Transnationale Auswärtige Kulturpolitik. Jenseits der Nationalkultur“ verfasst.
    Weigel bemängelt, dass Austausch, Dialog und interkulturelle Zusammenarbeit immer wieder von der Innen- und Außenhandelspolitik konterkariert würden, weil die z.B. die wirtschaftlichen und strategischen Interessen Deutschlands höher ansetzten als den kulturellen Austausch auf Augenhöhe. Daher ihr Aufruf dazu „dass die Experten der Auswärtigen Kulturpolitik, die sich auskennen in der Welt, mehr Gehör finden. Die könnte man einbeziehen in den Islamdiskurs z.B., in die ganze Debatte über Integration. Ich glaube, dass sie viel dazu beitragen können.“
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