Portrait des Komponisten Sven-Ingo Koch

    Vom Glück der Abwechslung

    10:07 Minuten
    Der Komponist Sven-Ingo Koch bei der Arbeit.
    Der Komponist Sven-Ingo Koch bei der Arbeit © Deutschlandradio/David Golyschny
    Von Nora Bauer · 18.12.2021
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    Der Komponist Seven-Ingo Koch über die Herausforderungen und Freuden bei der Arbeit mit Hörspielen.
    Musik Mandeville Schluss-Chor, Vibraphon + Gitarre
    Der Schlusschor aus dem Hörspiel Mandeville.Vaudeville – tatsächlich nicht in der originalen Besetzung mit Pauke und Trompete, sondern für die Schauspielerinnen als Einstudierhilfe mit Vibraphon gespielt. Man erkennt die Strukturen der Musik deutlicher ohne die elektronisch erzeugten Überlagerungen der im Hörspiel eingesetzten Version. Wie kommt man auf die Idee, Komponist zu werden?
    Sven-Ingo Koch: "Als Kind waren da zunächst die Beatles. Oder ich fang mal von vorne an. Als Sechsjähriger habe ich zu meiner damaligen Klavierlehrerin gesagt, ich möchte Komponist werden. Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Und ich habe dann auch als Achtjähriger aufgehört, Klavier zu spielen. Als Neunjähriger habe ich dann plötzlich die Beatles entdeckt und die imitiert, und auch versucht so, selbst kleine Stücke zu schreiben. Mit der Zeit reichten mir die Möglichkeiten der Pop-Musik nicht mehr aus. Dann, ohne viel zu wissen, bin ich in die Klassik gerutscht. Natürlich habe ich wieder Klavier gespielt zu dem Zeitpunkt. Von der Klassik zur Romantik, die Harmonie-Verbindungen wurden komplexer allmählich, auch zur Moderne. Und mit siebzehn war ich dann an der Folkwang als Jungstudent, in Essen."
    Es folgte das reguläre Kompositionsstudium bei Nikolaus A. Huber an der Folkwang-Hochschule in Essen. Das hört sich nach der konsequenten Umsetzung eines frühzeitig gefassten Lebens-Plans an – war es aber gar nicht. Eher das unbeirrte Verfolgen eigener Interessen. Das scheint eine wichtige Voraussetzung zu sein, für den Beruf des Komponisten, wie wahrscheinlich für jede künstlerische Aufgabe.
    Sven-Ingo Koch: "Meine Eltern sind keine Musiker – mein Vater war Ingenieur, bürgerliche Familie. Und vor vierzig Jahren dachte man ja auch – denkt man wohl auch heute noch – ist gut für die Förderung, wenn kleine Kinder irgendwie ein Instrument lernen und musikalische Früherziehung genießen und dann mit einem Instrument anfangen, also Blockflöte, dann Klavier, also üblich. So ungewöhnlich war das eigentlich nicht."
    Musik: Mandeville Schluss-Chor Vibraphon + Gitarre
    Nach dem Abschluss des Musikstudiums in Essen folgt 1999 ein mehrjähriger Auslandsaufenthalt: in den USA, erst in San Diego dann in Stanford, Kalifornien, mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.
    Sven-Ingo Koch: "Tatsächlich würde ich heute sagen, dieses Leben in einer Gesellschaft – da hat der Präsident noch gewechselt, von Clinton zu George W. Bush – deren Maxime man nicht teilt, hat doch so sehr an mir gezerrt, dass es auch künstlerisch einiges ausgelöst hat, und dieses Zweifeln und Arbeiten und überhaupt Überdenken all der wichtigen Paradigmen der eigenen Musik, hat dann dazu geführt, dass ich Komponist geworden bin."  
    Musik: Spottlied der Winzlinge
    Sven-Ingo Koch: "Das, was mich dann wirklich bis heute interessiert, die Interaktion der Instrumente, wie verhalten sich die einzelnen Ebenen zu einander, das ist ein Gedanke, oder eine Herangehensweise, die mir erst in den USA wichtig geworden ist. "
    Auf die Rückkehr nach Deutschland folgen diverse Stipendien –
    Sven-Ingo Koch: "Deutschland … tut sehr viel für seine jungen Künstler." 
    - unter anderem auch in die Villa Massimo in Rom.  
    Sven-Ingo Koch: "2011, das war sehr prägend, ein Jahr in Italien. Dort habe ich auch den Dichter Jan Wagner kennengelernt, mit dem mich ja auch, vertieft durch diese Hörspielzusammen arbeit, eine Freundschaft verbindet."
    Das beantwortet die erste Frage: wie kommt man als Komponist der Neuen Musik zum Hörspiel?
    Sven-Ingo Koch: "Das ist … tatsächlich über Jan gelaufen. Jan hatte die Anfrage, einen Hörspiel-Text zu schreiben und dann hat Jan mich anschließend, weil wir uns halt gut kennen und er auch meine Arbeit kennt, als Komponisten für dieses Hörspiel vorgeschlagen."
    Musik Gold.Revue
    Die erste Zusammenarbeit zwischen Jan Wagner und Sven-Ingo Koch war das Hörspiel Gold.Revue, eine Geschichte um die ersten Goldfunde in den USA, den Goldrush und die verlorenen Hoffnungen der Golddigger. Das Stück wurde 2017 vom Deutschlandfunk in Auftrag gegeben, dort produziert und von der deutschen Akademie der Darstellenden Künste im Juli 2017 als 'Hörspiel des Monats' ausgezeichnet.
    Sven-Ingo Koch: "Bei Gold bin ich tatsächlich von der Dynamik des Textes ausgegangen, und habe zunächst versucht, für jeden Abschnitt eben eine bestimmt Klangfarbe zu finden. Da ist die Stimme des Goldes, dann gibt es aber die dynamischen Goldgräber, voller Hoffnung, denen habe ich perkussive Patterns zugrunde gelegt, die gleichzeitig die Rhythmik der Sprache erhöhen sollen, und am Ende gibt es eben das fast tragische Sprechen der verstorbenen Goldgräber, die aus ihrem Grab heraus sprechen, denen habe ich Schabgeräusche und andere so Ratterklänge undsoweiter zugeordnet, hölzern-klingend oder sehr erdig-klingend."
    In dieser Zusammenarbeit machte der Komponist zum ersten Mal die Erfahrung, nicht nur nach dem eigenen Impuls zu arbeiten, sondern sich quasi einem fremden Raster und Rahmen oder Energie zu unterwerfen.  
    Musik Gold.Revue
    Sven-Ingo Koch: "Das unterscheidet sich tatsächlich sehr stark, das Komponieren zum Beispiel von einem Orchesterstück oder Streichquartett, oder einer Hörspielmusik, denn beim Hörspiel steht am Anfang der Text oder zumindest der Austausch mit dem Dichter, und dann muss der Text ja doch zuerst geschrieben werden und ich reagiere dann darauf. Und eben  analysiere ich eben den Text: auf seine formale Qualität – wo möchte ich welche Klangfarbe –, dann auf die Motive. Auch noch anders als bei Liedern, denn da bin ich auch noch freier als beim Hörspiel. Aber das finde ich eben sehr, im kreativen Sinne, herausfordernd und spannend, dass ich auf diesen Text reagieren kann. Das bezieht sich alles auf den Text, es ist eben keine Musik für sich, sondern Musik, die ich im Hinblick auf den Text komponiere. Also eine ganz andere Herangehensweise. "
    Wider Erwarten kein schmerzhafter, sondern ein bereichernder Prozess: dass auch in der Bindung an etwas Fremdes schöpferische Freiheit möglich ist, nämlich die Freiheit, diese Bindung zu gestalten.
    Musik Schreiber-Song
    Sven-Ingo Koch: "Was mich halt sehr gereizt hat, ist die Gegenüberstellung meiner Musik, Song-Musik, bei Mandeville, diese Trompetenmusik, die ja mikrotonal ist, oder die etwas freejazzige E-Gitarre teilweise, mit den Songs zu kontrastieren. Das ist wirklich wie von einem Raum in den anderen zu gehen, oder, plötzlich öffnen sich Fenster. Das ist sehr viel polystilistischer als meine sonstige kompositorische Arbeit und das hat mich sehr gereizt, eben trotz dieser Unterschiede: Songs und Neue Musik – trotzdem mich da einzubringen."
    Die zweite gemeinsame Arbeit von Jan Wagner und Sven-Ingo Koch, Mandeville.Vaudeville, entstand – wieder im Auftrag des Deutschlandfunks – 2020. Grundlage des Hörspiels ist der wahrscheinlich fiktive Bericht eines vielleicht ebenfalls fiktiven, übriggebliebenen Kreuzritters, Jean de Mandeville, über seine Reise vom Heiligen Land in den Orient, das zu seiner Zeit, also um die Mitte des 14. Jahrhunderts bereits ein Bestseller gewesen sein soll. Erst in den 1990iger Jahren wurde der Text in modernes Deutsch übertragen.
    Sven-Ingo Koch: "Die Songs dann teilweise durch die folgenden nicht tonalen Passagen ad absurdum zu führen oder umgekehrt, bei Mandeville, das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Und deswegen fand ich auch das Komponieren von Songs schön, weil ich halt wusste, es folgt etwas Gegenteiliges und das perspektiviert sich permanent neu!"
    Musik Mandeville Schlusschor
    Trotzdem ist der Komponist nie vor der Überraschung gefeit, die ihm 'blüht', wenn er das fertige Hörspiel, das ja in seiner Gänze immer mehr ist als die Summe seiner Zutaten, zum ersten Mal hört. Das ist nach wie vor ungewohnt und vielleicht der größte Unterschied zur Arbeit mit Ensembles im Konzertsaal.
    Sven-Ingo Koch: "Naja, was einem blühen kann bedeutet, plötzlich legt der Regisseur Geräusche darunter, an eine Stelle, die man sich still ausgemalt hat, oder singen die Musiker quasi in den eigenen Song noch Ebenen hinein. Aber wenn man sich dran gewöhnt hat, dann versteht man und man lernt was. Die Hörspielarbeit ist eine absolut tolle Erfahrung ich finde es toll mit der Herausforderung umzugehen, dass da noch etwas anderes hinzukommt. Also, das möchte ich nicht nur machen, ich bin froh, wenn ich nach einem Hörspiel ein Orchesterstück komponieren kann, es ist ein toller Kontrast, aber auch bin ich umgekehrt froh, wenn nach einem Streichquartett ein Stück mit Text, wo der Text erst mal am Anfang steht, und wo ich auf den Text reagieren muss, dann folgt."
     Musik endet