Hinter den Kulissen

    Making-of: Exit Exil

    12:05 Minuten
    Grafik zu Exit. Exil
    x © “© Randy Young, Courtesy of Feuchtwanger Memorial Library / USC / Layout: Anja Enders Deutschlandradio Service GmbH
    Von Hanna Steger · 03.06.2022
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    Für die 5-teiligen Podcastreihe Exit Exil hat der Autor Étienne Roeder fünf deutsche Künstlerinnen getroffen, um gemeinsam mit ihnen den Lebensläufen von fünf historischen starken Frauen nachzuspüren. Hanna Steger erzählt in ihrem neuem Making-Of, wie aus diesen Begegnungen Reportagen wurden.
    Das sind Étienne Roeder und Philippe Brühl. Sie stecken in den Startlöchern für die Aufnahmen für Folge 1 der Mikrokosmos-Reihe EXIT EXIL. Die Mikrofone sind in Position, alle Kabel eingestöpselt.
    In meinem neuen Making-Of soll es diesmal nicht um ein Stück gehen, sondern gleich um 5 Reportagen auf einmal. 5 Folgen Mikrokosmos über fünf Frauen. Dafür hat der Autor Etienne Röder sich mit fünf Künstlerinnen aus Deutschland zum Gespräch getroffen. Mein Name ist Hanna Steger und ich möchte erzählen, wie die Reportagen über diese Begegnungen entstehen.
    Um das Ganze noch ein bisschen komplizierter zu machen: Eigentlich geht es nicht um fünf sondern sogar um zehn Frauen. Der Clou ist nämlich, dass Etienne zusammen mit den fünf Künstlerinnen von heute den Lebensläufen von fünf historischen Frauen nachspürt. Deren Schicksale stehen im Mittelpunkt der Reihe EXIT EXIL. Und wie der Titel schon sagt: Sie alle haben eine Exilgeschichte und mussten Deutschland wegen der Nationalsozialisten verlassen.
    Étienne Roeder: "Also mich persönlich interessieren natürlich die historischen Figuren vor allem, weil die sind irgendwie auch bekannt, und doch bewegt sich das Wissen über diese Frauen sehr im Nebulösen..."
    Das ist Étienne Roeder, der Autor.
    Für Folge 1 hat er sich mit der Schriftstellerin Tanja Kinkel getroffen und spricht mit ihr über Marta Feuchtwanger. In Folge 2 erzählt uns die Filmemacherin Uisenma Borchu von ihrem großen Idol Marlene Dietrich.
    Étienne Roeder: "Und das reizt mich, die kennenzulernen und herauszufinden, welche Rolle hatten sie vielleicht auch für den Erfolg oder das Ansehen derjenigen, die man noch erinnert. Und die Reportagereihe versucht im Prinzip, diese Frauen nochmal aus der Mottenkiste der Historie herauszuholen und ihre Biografien näher zu beleuchten."
    Während man also bei EXIT EXIL interessante Künstlerinnen unserer Zeit kennenlernt, geht es gleichzeitig um historische starke Frauen, die mit ihren Biografien weniger bekannt wurden als beispielsweise ihre Männer. Dass während des 2. Weltkriegs deutsche Künstler und Intellektuelle in die USA flohen, ist bekannt - über die Frauen im Exil weiß man hingegen wenig.
    Ausschnitt Oton Marta: "Wir waren sofort zuhause in diesem Haus, nicht in dem Land, aber in diesem Haus."
    Das sagte Marta Feuchtwanger, um die es in der ersten Folge von Exit Exil geht. Und das Haus, über das sie spricht, ist die Villa Aurora in Los Angeles. Sie war ihr sicherer Hafen, dort lebte Marta mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger, nachdem sie vor den Nationalsozialisten geflohen waren.
    Damals war die Villa Aurora für die Feuchtwangers ihr home away from home, heute ist sie Künstlerresidenz und „deutsches Kulturdenkmal des Exils“.
    Und gleichzeitig ist sie der gemeinsame Ort der 5 Künstlerinnen von heute – sie alle waren Stipendiatinnen der Villa Aurora. Das bedeutet, dass sie für 3 Monate dort wohnen und an einem Projekt arbeiten durften.
    Ausschnitt Studio: "Ihr sagt mir, wenn ihr soweit seid? - Ich muss nur noch mein Manuskript aufblättern! - Seite 2 sind wir - Ok, dann läuft`s!"
    Im Studio im Deutschlandfunk nimmt Étienne heute die Texte für Folge 1 von Exit Exil auf. Er hat sie geschrieben und spricht sie auch selbst ein. Anweisungen bekommt er dafür von Philippe Brühl, er ist der Regisseur der Produktion.
    Philippe Brühl: "Ich bin Philippe Brühl und ich setze das tolle Manuskript von Étienne Roeder in Töne um."
    Ausschnitt Aufnahmen: „Das ist Martha Feuchtwanger in ihrer Villa am Rand von Los Angeles“ - Ja, ich würde eher Martha betonen, wir haben über Lion ja schon gesprochen, aber über Martha noch nicht.....“Das ist Martha Feuchtwanger in ihrer Villa am Rand von Los Angeles“.
    Philippe Brühl: "Die Arbeit mit Étienne, dass er gut und locker klingt am Mikrofon -  das merkt man ja jetzt bei mir auch, das ist nicht immer einfach, locker zu klingen und das hat der Étienne gut gemacht. Also man muss ihn dann natürlich auch ein bisschen begleiten und ihm Tipps geben, aber das macht er sehr gut."
    Étienne ist kein ausgebildeter Sprecher, aber die Authentizität und seine Verbindung zum Text und Thema lassen die Hörer und Hörerinnen einen sehr persönlichen Zugang finden.
    Studio Ausschnitt: "Alles noch ein bisschen gelesen, soll ich das noch ein bisschen freier machen?"
    Zusätzliche Unterstützung gibt‘s auch noch von dem Mann am Mischpult, Christoph Rieseberg.
    Christoph Rieseberg: "Mein Name ist Christoph Rieseberg und ich bin Toningenieur im Deutschlandfunk und hier bin ich sozusagen für den Ton zuständig, also dass die Aufnahme von Étienne, unserem Autor, einfach gut klingt und gut verständlich ist."
    Étienne Roeder: "Ich stehe hier in der Mitte von diesem riesigen Raum allein und soll sprechen.  Einen Text, den ich geschrieben habe auf dieses Papier. Und den soll ich dann wieder einsprechen, dass er klingt, als würde ich sprechen. Und das ist für mich natürlich ein schwieriger Übersetzungsprozess."
    Studio Ausschnitt: "Nochmal? Alles?" - "Ähm, ja, machen wir es noch EINmal. Sorry."
    Étienne Roeder: "Da ist es natürlich total hilfreich, jemanden zu haben wie Philippe Brühl, der mit viel Fingerspitzengefühl weiß, mich nochmal drauf hinzuweisen, den einen Absatz vielleicht nochmal zu machen. Ich glaub alleine könnte ich es zwar auch einsprechen, aber es würde sich ganz anders anhören... "
    Studio Ausschnitt: "Oh man, immer diese Textarbeit. Danke, Philipp!"
    Für die Begegnungen mit den Künstlerinnen hat Étienne Roeder: sich immer etwas Besonderes einfallen lassen. Er verbringt einen Tag mit ihnen, unternimmt etwas mit ihnen, was für sie steht, sie in einer Umgebung zeigt, in der sie sich wohlfühlen. Mit Tanja Kinkel ist er zum Beispiel um den Tegernsee gewandert. Mit Uisenma Borchu geht er ins Kino. Das mit einem Mikrofon aufzufangen, ist deutlich schwieriger als ein Interview an einem Tisch.
    Étienne Roeder: "Ich bin der Ideengeber, der Aufnahmeleiter, ich bin der Interviewer und ich bin danach der Skriptschreiber. Also ich nehme meine zwei Mikrofone mit und verkabele die Künstlerinnen dann direkt, so wie beim Film mit nem kleinen Ansteckmikro. Und nebenbei nehme ich noch 2 weitere Spuren auf, so dass ich die Künstlerinnen immer am Mikro habe und trotzdem das Soundscape von der Umgebung aufnehmen kann."
    Hier hören wir Tanja Kinkel.
    Ausschnitt Wandern mit Tanja Kinkel: „Bei Waldspaziergängen habe ich als kleines Kind sowohl von meinem Großvater als auch meinem Vater die Werke von Karl May kennengelernt...“
    Etienne Röder: Und das ist schon ne Herausforderung. Gerade bei der Wanderung mit Tanja Kinkel ist es eine Herausforderung gewesen, sich einerseits auf das Gespräch zu konzentrieren und auch zu schauen, dass man mithalten kann - Tanja Kinkel hat ein straffes Tempo vorgelegt."
    Weiter Tanja Kinkel: “...Das Geschichten-Erzählen bei langen Spaziergängen und Wanderungen, das hat mich sicherlich auch geprägt. Das Geschichten-Ausdenken war dann der logische nächste Schritt.“
    Étienne Roeder: Und im Endeffekt komm ich dann auf 9 -10 Stunden Material plus die Recherche im Vorhinein und versuche natürlich, weil es das Medium Radio ist, über die auditive Annäherung mich dem zu nähern und zu schauen, was gibt‘s denn zum Beispiel für Otöne oder interessante Interviewpassagen von Menschen wie Marlene Dietrich, die ich selber noch nicht kenne.
    Marlene-Dietrich-Song „Ich hab noch einen Koffer in Berlin...“
    Ausschnitt Marta Feuchtwanger O-Ton: "Das Haus und die Bücher kann man doch nicht wie eine Schnecke auf dem Rücken wegtragen."
    Christoph Rieseberg: "Was ich immer berührend finde, sind Otöne von Menschen zu hören, die schon tot sind wie Marlene Dietrich und Marta Feuchtwanger, die man dann jetzt nochmal praktisch zum Leben erweckt und die einfach nochmal hören kann."
    Für Étienne Roeder ist es wichtig, 5 unterschiedliche Geschichten zu erzählen. Aber trotzdem gehören alle 5 Einzelteile zu einem großen Ganzen. Eine fordernde Arbeit an vielen kleinen Puzzleteilen, die am Ende zusammenpassen müssen.
    Étienne Roeder: "Die Biographien der historischen Figuren sind in einer gewissen Art und Weise verwoben. Und diese Verbindungen, die sich da ergeben und erst mit der Recherche so richtig präsent werden, in die Sendung mit einfließen zu lassen, obwohl ich die Protagonistin noch gar nicht getroffen habe, das ist eigentlich die größte Herausforderung. Das als Ganzes zu sehen, aber über einen Zeitraum von 6 Monaten zu bearbeiten, immer in Etappen. Das heißt aber auch, dass ich immer Schritt halten muss, mit den Entwicklungen der Sendung."
    Es entsteht eine zeitversetzte Simultanproduktion. Denn während Philippe Brühl im Studio eine Folge produziert, arbeitet Étienne Roeder parallel an dem Skript für die nächste. Wenn Folge 1 im Radio läuft, ist Folge 5 noch in Arbeit.
    Studio Ausschnitt: "Wann triffst du sie?" - "Am Donnerstag jetzt " - "Ok, das heißt es wird ne knappe Geschichte. "
    Philippe Brühl: "Dass es schon so einen Gesamtsound gibt, aber trotzdem hat jede eigene Folge dann schon ihre eigenen spezifischen akustischen Merkmale."
    Nochmal Philippe Brühl, der Regisseur.
    Philippe Brühl: "Insgesamt gibt es natürlich so einen Gesamtmood, allein durch den Sprecher, Etienne, der uns durch die Stücke führt und durch manche Musikelemente oder Soundelemente, die immer wieder kehren. Aber insgesamt sind sie dann doch sehr farbenfroh, möchte ich sagen - und so unterschiedlich wie die Frauen und ihre Geschichte."
    Exit Exil schafft es, die historischen Frauenfiguren in einer Reportage zum Leben zu erwecken, indem Étienne dÉtienne Roeder:ie zeitgenössischen Künstlerinnen in einer lockeren Umgebung triff, dem ganzen Leichtigkeit gibt. Man erfährt viel über die Art und Gewohnheiten der Künstlerinnen, begibt sich gleichzeitig mit ihnen auf die Suche nach „alten Geschichten“, Zeiten und Leben verweben sich. Das ist eine interessante und auch sehr gelungene Verknüpfung.
    O-Ton Tanja Kinkel: "Das ist Marta Feuchtwanger um 1910. Diese Art von Hut, dieses elegante Kleid,
    Hier blättern Étienne und Tanja Kinkel grade gemeinsam in alten Fotos.
    Ausschnitt weiter: "Aber sieht top aus, oder? Und da kann man sehen, warum sie als eines der schönsten Mädchen in München galt damals."
    Philippe Brühl: "Der Étienne hat ne super Art auf die Leute zu zugehen und die zu interviewen, wo auch sehr schöne und lustige O-Töne dabei entstanden sind."
    Christoph Rieseberg: "Ich finde immer, diese Geschichten von Flucht und Vertreibung, die gehen mir immer total nah und das hab ich da auch mal wieder gemerkt, dass das irgendwie schwer ist und für die Menschen auch immer total existenziell und das finde ich schon sehr eindrucksvoll, diese starken Frauen, die wir in diesen Stücken haben, die halt einfach in der richtigen Zeit das richtige machen."
    Étienne Roeder: "Was ich vor allem gelernt habe ist, dass die Frauenbilder und Lebensmodelle vor 100 Jahren sich gar nicht so sehr unterschieden haben von den Lebensmodellen, die heute als modern oder postmodern oder zeitgenössisch bezeichnet werden. Und man hat so ein bisschen den Eindruck von einem Deutschland, was zu nem gewissen Zeitpunkt des vergangenen Jahrhunderts untergegangen ist, und bis dahin nicht mehr wiedergekommen ist. Also ich finde die Art und Weise, wie diese Frauen mit ner gewissen Eigenständigkeit, mit nem Standing würde man heute sagen und mit nem Rückgrat, auch über Dinge sprechen und sich auch nicht zu schade sind, Haltung anzunehmen, die finde ich heutzutage selten und deswegen fasziniert mich das auch zu sehen, was haben wir eigentlich mit diesen Exilanten verloren in diesem Land, was hat Europa verloren und warum sind sie eigentlich bis heute nicht zurückgekommen - die Frage bleibt auch so ein bisschen offen…"
    EXIT EXIL – 5 Frauenleben in L.A. von Étienne Roeder. Die Regie hat Philippe Brühl, für den guten Ton sorgt Christoph Rieseberg. Redaktion: Anna Seibt.
    Folge 1 mit Schriftstellerin Tanja Kinkel und Marta Feuchtwanger
    Folge 2 mit Filmemacherin Uisenma Borchu und Marlene Dietrich
    Folge 3 mit Comiczeichnerin Anna Haifisch und Eva Herrmann
    Folge 4 mit Musikerin Farahnaz Hatam und Fritzi Massari
    Folge 5 mit Autorin Enis Maji und Nelly Krüger Mann
    Hören können sie das Ganze online unter hörspielundfeature.de oder in der DLF-Audiothek.
    Ich verabschiede mich und sage bis zum nächsten Making-Of.