Krimi-Hörspiel über Gentrifizierung und Verdrängung

    Häuserkampf

    42:21 Minuten
    Abriss eines Hauses
    Entmietung und Abriss: Für eine konzernfinanzierte Grünanlage müssen hunderte Bewohner weichen. © unsplash/Ruslan Khadyev
    Von Ulrich Land · 04.03.2024
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    Im Duisburger Stadtteil Bruckhausen laufen Abrissarbeiten. Auch das Haus von Bülent Arslan soll weg. Er engagiert sich in einer Bürgerinitiative gegen das Vorhaben – vergeblich. Ein Hörspiel nach einer wahren Begebenheit.
    Als die alte Frau Hoffmann, von der Stadtverwaltung bereits umgesiedelt, immer wieder in ihre alte Wohnung zurückkehrt und dort schließlich stirbt, nimmt der Türke den Stadteilmanager Schröder als Geisel und fordert die sofortige Einstellung der Abrissarbeiten.
    Entführungsspezialistin Bose und ein Aufsichtsratsmitglied von ThyssenKrupp Steel kommen im Rathaus zusammen, denn für die Stadtteilprojektierung wurden Subventionen in Millionenhöhe gezahlt. Während das SEK versucht, den Geiselnehmer zu finden, interessiert sich Kommissar Thalhammer für den Tod der alten Frau Hoffmann.

    Häuserkampf
    Von Ulrich Land 
    Mit: Mürtüz Yolcu, Tanja Wedhorn, Ulf Schmitt, Franziska Troegner, Stephan Szász, Jörg Hartmann, Gerd Grasse, Hüseyin Ekici
    Ton und Technik: Alexander Brennecke und Susanne Beyer
    Regie: Sven Stricker
    Produktion: DKultur 2015
    Länge: 42'14
    Eine Wiederholung vom 23.02.2015

    Ulrich Land, geboren 1956 in Köln, schreibt Lyrik, Prosa und Essays. Er unterrichtet Creative Writing, u.a. an der Universität Witten/Herdecke, und ist der Verfasser von rund 100 Radiofeatures und Hörspielen. Zuletzt: „Norwegian Wood“ (WDR 2017) und „Hölderlins Heimsuchung“ (WDR 2020).

    Notizen des Autors

    Das Kriminalhörspiel „Häuserkampf“ hat einen realen Hintergrund: Im traditionell „armen“ Nordwesten des Ruhrgebiets, in Duisburg-Bruckhausen wurden 2013/14 circa 170 gründerzeitliche, zum Teil denkmalgeschützte Wohnhäuser in Schutt und Asche gelegt. Etwa 1500 Personen mussten ihre Wohnungen bzw. Häuser verlassen, vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, alteingesessene Bruckhauser und Hartz-IV-Empfänger.
    "Entmietung" Hunderter Wohnungen
    Hinter dem euphemistisch „Rückbau“ genannten Projekt steckt ein skandalöser Deal zwischen ThyssenKrupp Steel und der Stadt Duisburg. Der Stahlkonzern – seines Zeichens größter Arbeitgeber in Duisburg – spendete der Stadt 35 Millionen Euro, unter der Maßgabe, dass man mit diesen Geldern das sogenannte „Problemviertel“ Bruckhausen direkt vor der Werksmauer durch eine Grünanlange ersetze.
    Für ThyssenKrupp zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum ließ sich so die Werkszufahrt beträchtlich aufhübschen, da man ohnedies das Image des schmutzigen Stahlkonzerns im abgewrackten Ruhrpott loswerden wollte. Und zum anderen konnte man so dem inzwischen gesetzlich vorgeschriebenen Abstand zwischen Schwerindustrie und Wohngebieten wenigstens näher kommen. In Bruckhausen also wurde im Interesse eines Großkonzerns und einer notorisch klammen Kommune die „Entmietung“ von Hunderten von Wohnungen betrieben, anderthalbtausend Einzelschicksale standen zur Disposition.
    Ein Verbrechen an den Ruhrpott-Leuten
    Was man für eine Posse aus dem Bilderbuch des Meltingpots Duisburg zwischen Hochöfen, Abrissbirnen und stadtplanerischer Hilflosigkeit halten könnte, ist doch bittere Realität. Und so sind auch die Personen dieses Hörspiels durchaus nicht frei erfunden – wenn auch mit fiktiven Namen ausstaffiert: Die hochbetagte „Frau Hoffmann“ etwa hat nach ihrer Umsiedlung noch wochenlang in ihrer leergeräumten Wohnung gehaust, die sie nicht im Stich lassen wollte und konnte. Von den letzten noch verbliebenen türkischen Nachbarn wurde sie mit warmem Essen versorgt, nachdem das Entrümplungskommando die Möbel unten auf dem Bürgersteig aufgetürmt hatte.
    Der Abriss Bruckhausens: Ein Verbrechen an den Ruhrpott-Leuten, das nur so nach einem Verbrechen schreit. Zumal dann, wenn es exakt vor der Kulisse stattfindet, wo etliche Schimanski-Streifen gedreht wurden. Nicht nur der alte Hochofen ist jetzt verschwunden, sondern auch die Wohnstraßen davor und die Menschen, die sie bevölkerten!
    Insofern setzt dieses Krimihörspiel Bruckhausen und seinen Bewohnern ein Denkmal.
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