Expo 2020 in Dubai

    Gigantismus trifft Nachhaltigkeit

    43:50 Minuten
    Ein futuristisch anmutender Raum in den Farben Neonpink-, blau und lila. An eine Leinwand ist eine Stadt projiziert, wie sie in der Zukunft aussehen könnte.
    Die Expo zwischen innovativer Nachhaltigkeit und Gigantismus © Julia Neumann
    Von Julia Neumann · 12.11.2021
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    Dubai vermarktet sich gerne als Stadt der Zukunft mit einer "Sustainable City" aber auch einer künstlichen Insel in Palmenform und einer Skihalle mitten in der Wüste. Dieses Jahr mit der "Expo 2020", coronabedingt ein Jahr später als geplant, zeigt Dubai, dass die Zielgruppe weiterhin eine reiche Oberschicht bleibt.
    "Herzlich willkommen in der Zukunft! Ihr Kapitän begrüßt Sie an Bord des Emirates-Flugs 2071", sagt eine Computerstimme. Die Besucherin sitzt in einem weißen Lederohrensessel und bekommt über eine Virtual-Reality-Brille gezeigt, wie sich die staatliche Fluggesellschaft "Emirates" das Fliegen in fünfzig Jahren vorstellt. In dem virtuellen Flugzeug sieht es steril aus, es gibt nur acht einzelne Sitze, verglaste Wände ziehen sich an den Seiten des Fliegers entlang. "Wir werden jetzt von einem emissionsfreien, solarbetriebenen Fahrzeug zu unserer Startbahn gebracht" heißt es, bevor der simulierte Flug im Expo-Pavillon der "Emirates" abhebt.
    Die Expo2020 in Dubai will 25 Millionen Besuchern und Besucherinnen zeigen, wie die Zukunft aussieht. Die Emirate versprechen, diese Expo sei nicht nur spektakulärer als ihre Vorgängerinnen, sondern auch zukunftsträchtiger und nachhaltiger. Dabei ist der Austragungsort Dubai ein großer Klimasünder: Die Stadt hat eine Skihalle mitten in der Wüste, eine künstliche Insel auf einem Korallenriff, das höchste Gebäude und die größte Shoppingmall der Welt. Und doch will das Emirat Dubai, das all diese gigantischen Bauprojekte hervorgebracht hat, Vorreiter in Sachen Klimaschutz werden. Die Expo2020 soll als Aushängeschild dieser Aspirationen dienen.
    Doch das Umweltschutz und Riesenspektakel nicht so einfach zu vereinen sind ist offensichtlich: 70 Prozent der erwarteten 25 Millionen Expo-Besucher werden aus dem Ausland kommen und müssen somit einfliegen. Das sei alles in den CO2-Fußabdruck der Expo miteinberechnet, versichert eine Mitarbeitern, und werde durch verschiedene Klimaschutz-Programme kompensiert.
    Joachim Van Staeyen Emirates-Flugbegleiter im Expo-Pavillon betont mit Blick auf die Zukunft, dass zum Fliegen bald nicht nur Roboter als Sevice-Mitarbeiter gehören werden, sondern auch emissionsärmerer Treibstoff: "Biokraftstoffe, hybride oder komplett elektrisch betriebene Motoren. All das zusammen wird dazu beitragen, die Emissionen eines Flugzeugs zu senken".
    Die Autorin im Gespräch mit einem Emirates-Flugbegleiter
    Die Autorin im Gespräch mit einem Emirates-Flugbegleiter© Julia Neumann
    Selbsternanntes Zukunftslabor
    Das Riesenrad, das Telefon, Fernsehen, Rasenmäher, die Röntgenmaschine, der Reißverschluss und, im heißen Wüstenstaat unabdingbar, die Klimaanlage – sie alle wurden als Weltneuheiten auf Expos präsentiert und der Welt zugänglich gemacht. Die Expo2020 möchte sich da einreihen: 192 Länder präsentieren nicht nur ihre Kultur, sondern auch die neusten Technologien und Ideen für ein ressourcenschonenderes Leben. Auch die Sponsoren der Expo, wie die Fluglinie Emirates, stellen sich in eigenen Gebäuden vor und es gibt drei Pavillons, die von der Expo selbst bespielt werden. Die Themen: Möglichkeiten, Mobilität und Nachhaltigkeit.
    Vor dem Nachhaltigkeitspavillon stehen Sonnenkollektoren in Form großer Stahlpilze: Auf Stahlsockeln, so breit wie der Stamm eines Mammutbaums, sind gebogene Platten mit Solarpanelen befestigt. Wie bei einer Sonnenblume drehen sich auch die Platte der Sonne zu. "Dieses Design-Prinzip nennt sich Bionik", erklärt Sheena Khan. Die 37-Jährige gibt als Bildungs-Managerin Führungen durch das Gebäude. "Dabei ahmen wir die Natur nach. Unsere Stahl-Bäume erzeugen so etwa 23 Prozent mehr Energie, als wenn sie unbeweglich wären." Auch das runde Dach des Pavillons ist mit Solarpanelen bedeckt. Das Gebäude soll so seinen Energiebedarf selbst decken. Der Eingang ist umgeben von Schilf, das im Wind raschelt. "Das Schilf wächst hier in einem flachen Wasserbecken. Wir riechen nichts, aber dieses Wasser ist das Abwasser aus dem Gebäude." Das Wasser wird durch das Schilf natürlich gereinigt und dann zurück in das Gebäude gepumpt. Damit lässt sich dann wieder Hände waschen oder die Toilettenspülung betätigen – ein wassersparender Kreislauf.
    Das Gebäude in dem die Expo stattfindet
    Wie nachhaltig kann eine Expo sein, die nur zu Showzwecken errichtet wurde?© Julia Neumann
    Die Weltausstellung erstreckt sich über knapp 4,4 Quadratkilometer. Ein Pavillon überbietet den nächsten in seiner Großartigkeit und architektonischen Raffinesse. Wie kann eine solch immense Infrastruktur nachhaltig sein, wo sie doch eigentlich nur zu Showzwecken gebraucht wird? "Unsere Gebäude sind um 33 Prozent effizienter als andere Gebäude", erklärt Dina Storey, die Leiterin des Nachhaltigkeitskomitees der Expo. "Über 80 Prozent dieser Strukturen werden zum Distrikt2020 umgebaut. Das wird eine neue Smart City. Dass wir das im Vorhinein eingeplant haben, macht die Gebäude nachhaltig."
    Ernstzunehmende Anstrengungen oder Greenwashing?
    Wie der Rest der Welt, so steht auch die Wüstenstadt Dubai unter dem Druck des Klimawandels und möchte sich der Klimakrise entgegenstellen. Der Energiebedarf Dubais soll bis 2050 zu 75 Prozent durch erneuerbare Energien gedeckt werden und der Wasser- und Energieverbrauch der Wüstenstadt soll innerhalb der nächsten zehn Jahre um 30 Prozent gesenkt werden.
    Was davon sind ernstzunehmende Anstrengungen der Regierung und was ist reines Imagebuilding? "Sie haben kapiert, dass die derzeitige Entwicklung nicht besonders nachhaltig ist, beziehungsweise nicht für lange Zeit aufrechterhalten werden kann", sagt Architekturprofessor und Emirates-Kenner Yasser Elsheshtawy. "Auf der anderen Seite ist es Greenwashing, wie an so vielen Orten dieser Erde." Ungerechtigkeiten wie die Ausbeutung ausländischer Arbeiter sollen "von dem Bild einer Nation oder Stadt, die grüne Politik umsetzt, überlagert werden. Der Welt wird ein sauberes Image präsentiert, aber dahinter steckt eine ganz andere Realität – nämlich die der Menschen, die unter dieser Politik leiden."
    200.000 Arbeitskräfte, die meisten aus Afrika und Asien, haben für die Ausstellung die Gerüste aus Beton und Stahl gefertigt, Holzstämme aufgestellt, LED-Lampen installiert. Schon lange ist bekannt, dass ihre Arbeitsbedingungen miserabel sind und sie oft keinerlei Rechte im Land haben. Drei der Arbeiter seien an Covid-19 gestorben, heißt es aus dem Pressebüro der Expo, drei andere bei den Bauarbeiten.
    Weil Menschenrechtsorganisationen seit Jahren unter anderem die Arbeitsbedingungen in den Emiraten anprangern, hat das Europäische Parlament zum Boykott aufgerufen: Kein europäisches Land sollte auf der Expo ausstellen. Doch das wurde weitestgehend überhört. Ganz vorne mit dabei: Deutschland. Das Wirtschaftsministerium investierte 58 Millionen Steuergelder in den Pavillon. Dort präsentiert sich Deutschland als Land der "Energiewende".
    Elsheshtawy sieht die Weltausstellung auch deshalb kritisch, da sie, anders als die Organisatoren behaupten, kein nachhaltiges Vermächtnis hinterließe. "Was passiert, wenn die Veranstaltung vorbei ist?", fragt er. "Wird dieses prachtvolle Gelände, das einst Wüste war, dann plötzlich in progressiven Wohn- und Lebensraum verwandelt, der offen für alle ist? Nachdem was ich bisher gesehen habe, wird das nicht der Fall sein." Stattdessen erwartet der Architekturprofessor, dass das Areal unter Investoren und Immobilienhaien aufgeteilt werden und als Technologie-Park dienen wird. Anstatt bestehende Stadt-Struktur zu verändern und nachhaltiger zu nutzen, wurde hier eine neue Infrastruktur geschaffen, die Dubai nicht wirklich gebraucht habe, sagt er. Und auch Dubai nimmt er die 180-Grad-Wende nicht ab. Zwar würden neugeplante Bauprojekte inzwischen etwas "persönlicher und begehbarer, sie beziehen die Menschen und den Kontext etwas mehr mit ein." Die Zielgruppe sei aber weiterhin eine reiche Oberschicht, der Prunk und Prestige wichtiger seien als Nachhaltigkeit und soziale Verträglichkeit.
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