Das Feature

Pinochets Geisterstadt

Von Victoria Eglau · 09.03.2004
"Pampa" nennen die Chilenen die Wüste im Norden ihres Landes. Am Rande der Fernstraße Panamericana liegt dort ein gottverlassener Ort: Chacabuco. Wer sich in die Ruinenstadt verirrt, den führt der einsame Wärter Roberto Zaldivar in zwei ganz unterschiedliche Epochen chilenischer Vergangenheit.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bauten hier geknechtete Arbeiter das "weiße Gold" Salpeter ab. Nach dem Militärputsch 1973 füllten sich die verlassenen Häuser erneut: Pinochets Schergen zogen Stacheldraht um Chacabuco und richteten mitten in der Wüste ein Straflager für linke Regimegegner ein.

Keiner wusste, was für ihn nach Chacabuco kommen würde: ein anderes Lager, Folter, Freilassung oder der Tod. Um an der Ungewissheit nicht zu Grunde zu gehen, mobilisierten die Gefangenen – darunter viele Intellektuelle – alle verfügbaren kreativen Kräfte. Kabarett, Musik, Sprachkurse, Poesie-Wettbewerbe – dies und vieles andere gab es in Chacabuco. Ehemalige Häftlinge blicken auf ihre Zeit im Wüstenlager mit einer Mischung aus Bitterkeit und Nostalgie zurück. "Sand und Kalk" kommen dem Ex-Insassen Mario Jimenez in den Sinn, wenn er an Chacabuco zurückdenkt. "Sand ist etwas Weiches, Kalk ist aggressiv."

Produktion: Deutschlandfunk 2004