Der Krieg in unseren Köpfen

Tot im Leben

Sirenen sind das Leitmotiv dieses eindrücklichen Hörspiels.
Sirenen sind das Leitmotiv dieses eindrücklichen Hörspiels. © picture alliance / dpa / Roland Weihrauch
Von Mona Winter · 02.07.2022
Drei Protagonistinnen aus drei Generationen: Krieg ist die Determinante, die sich durch ihre Leben hindurch zieht. Mamá, die den Hitlerkrieg noch miterlebt hat und ihre Erfahrungen in ihre Tochter Gisi quasi implementiert hat. Und Maya, die aus dem syrischen "Kingdom of Horror" geflohen ist.
Was sie verbindet ist eine untergründige immerwährende Angst. Der Gesang der Sirenen, der sich wie ein silberner Faden durch das ganze Stück zieht, ist dafür das Sinnbild.
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"Tot im Leben" wurde von der Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats April 2022 gekürt.
Begründung der Jury:
„Kriegstraumata: Sie beeinflussen das Leben von Mamá, Gisi und Maya, selbst wenn der Krieg 80 Jahre zurück liegt oder noch immer über 3.000 Kilometer entfernt tobt. Krieg lässt einen nicht so einfach los und seine Schrecken werden meist an nachfolgende Generationen weitergegeben. Er hinterlässt Menschen tot im Leben.
Mamá, Gisis Mutter, ist Deutsche und hat den Zweiten Weltkrieg erlebt. Sie gerät immer wieder mit ihrer Tochter aneinander, weil Gisi sich gegen das Verdrängen der Mutter und für die Aufarbeitung der deutschen Schuld einsetzt. Maya, eine Freundin von Gisi, ist vor dem Krieg in Syrien geflohen und hat als Jugendliche die Schrecken des Regimes von Bashar al-Assad erlebt, der 2000 als Diktator an die Macht kam. Die drei Frauen erzählen ihre Geschichten nach und nach collagenartig: mal in dialogischen Szenen, mal im O-Ton, in dem Maya von ihren schrecklichen Diktatur- und Kriegserfahrungen in Syrien berichtet, und immer wieder als innerer Monolog von Mamá und Gisi. Durch diesen radiofonen Kniff, der im Manuskript Kopfstimme und Kopfraum genannt wird, erhalten die Zuhörer und Zuhörerinnen unmittelbar Zugang zu den Gefühlswelten der deutschen Mutter und ihrer Tochter und den Traumata durch direktes und indirektes Erleben von Krieg.
Auf poetische Weise werden dabei die unterschiedlichen Geschichten und Erzählstränge verwoben, die Zeitebenen geraten durcheinander, Reales und Fantastisches, Gegenwart und Vergangenheit fließen kaum merklich ineinander, getragen von der dezenten Musik von Bülent Kullukcu.
Unterbrochen wird der Erzählstrom lediglich von Zitaten zum Krieg berühmter deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Nelly Sachs, Kurt Tucholsky und Thomas Mann und immer wieder vom Kinderchor des „Kingdom of Horror“, wie Maya auch ihr Heimatland Syrien nennt, und den verlockenden Gesängen der männlichen Sirenen. Sirenen sind denn auch das Leitmotiv dieses eindrücklichen Hörspiels, das auf seine ganz eigene Weise alarmiert. Dabei schwebt letztlich über allem immer die Frage und Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit in der Zukunft.
„Tot im Leben“ gelingt es, kunstvoll vom Spezifischen auf etwas Allgemeingültiges und Zeitloses zu verweisen und eindrücklich die wichtige Frage zu stellen, wie wir mit den Erinnerungen an die Grausamkeiten des Krieges weiterleben können. Die Jury vergibt daher den Preis für das Hörspiel des Monats April 2022 an Tot im Leben von Mona Winter.“
Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main zeichnet jeden Monat ein Hörspiel aus den Produktionen der ARD-Anstalten aus. Die Entscheidung über das Hörspiel des Monats trifft eine Jury, die jeweils für ein Jahr unter der Schirmherrschaft einer ARD-Anstalt arbeitet. Am Ende des Jahres wählt die Jury aus den 12 Hörspielen des Monats das Hörspiel des Jahres.

Tot im Leben
Von Mona Winter
Mit Patrycia Ziolkowska, Kristof van Boven, Oda Thormeyer, Jörg Pose, Mariana Karkoutly u.v.a.
Regie: Mona Winter
Komposition: Bülent Kullukcu
Produktion: rbb 2022

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