Hörspiel des Monats Juni 2022

Pisten

80:07 Minuten
Ein mit Wüstensand geflutetes Haus.
Ein mit Wüstensand geflutetes Haus. © imago stock&people
Von Penda Diouf · 03.09.2022
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2010 reiste Penda Diouf nach Namibia, in das Land Frankie Fredericks, den sie seit Kindheitstagen verehrt hat. Frankie Frederick hat die ersten olympischen Medaillen für seine Heimat gewonnen.
Heimgekehrt ist Penda mit "Pisten", einem poetischen Reisebericht über eine Fahrt ins Herz der Erinnerung. Sie verbindet die Geschichte ihrer eigenen Diskriminierung als Heranwachsende in Frankreich mit der Gewaltgeschichte Namibias während der deutschen Kolonialzeit. Allein reist sie durch die Namib-Wüste und stellt historische wie zwischenmenschliche Beziehungen über Zeit- und Sprachgrenzen her. Doch die Weite der Namib-Wüste und das gleißende Licht bergen das brutale Erbe der deutschen Kolonialherrschaft, deren Verbrechen an Hereros und Namas als erster Genozid des 20. Jahrhunderts gelten. "Pisten" ist eine bewegende Hommage auf die Opfer des Völkermords und auf seine Held*innen. Zudem offenbart ihr seismografischer Report  auch die Situation der nachgeborenen Generation, die sich damit abfinden muss, dass Recht und Gerechtigkeit niemals wiederherstellbar sind.
Für die Hörspielumsetzung hat Penda einige Ebenen aktualisiert, im Bewusstsein des Unabschließbaren. Das in der Regie von Christine Nagel entstandene und von Abak Safaei-Rad gesprochene Hörspiel macht diese Verknotung, dieses Geflecht, die Nadelstiche spürbar. Nagel ergänzte abermals Material und verwebt dies mit der Musik von Niko Meinhold zu einem eigenen Muster. So wird Satz für Satz, Faden um Faden klar, dass die Debatte um "Entschädigung" oder "Wiedergutmachung" nur transnational und interkulturell geführt werden kann.

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main kürte das Hörspiel "Pisten" zum Hörspiel des Monats Juni 2022.
Begründung der Jury:
In ihrem Stück "Pisten" spricht Penda Diouf von tiefsitzenden, körperlichen wie seelischen Wunden, die nur schwer bis gar nicht verheilen, u.a. weil von ihnen noch immer zu wenig gesprochen wird. In diesem autobiographischen Theatermonolog verwebt die französisch-senegalesisch-ivorische Autorin und Schauspielerin ihre eigene Geschichte als 1981 in Dijon geborene Tochter afrikanischer Eltern und die Geschichte ihrer Familie mit der Geschichte und Gegenwart von Kolonialismus und Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen und dem Widerstand dagegen.
Im Zentrum des Hörspiels steht eine Reise, die Diouf 2010 nach Namibia unternahm, um auf den Spuren ihres Idols, des namibischen Leichtathleten Frank „Frankie“ Fredericks, zu wandeln, der die ersten olympischen Medaillen für seine Heimat gewann. Ausgngspunkt dieser Reise war eine Lebenskrise der Ich-Erzählerin, die in einer Depression gipfelte, welche aus den unterschiedlichen rassistischen und traumatischen Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend resultierte. Schlaglichtartig erfahren wir von ihnen, durch die Beschreibung von bedrückenden Szenen wie z.B. der, als ihr beim Karneval im Gegensatz zu den anderen Kindern die schwarze Farbe im Gesicht verwehrt wird, weil sie ja schon Schwarz sei, oder der Verabschiedung von ihrem von Rassisten in Frankreich ermordeten Onkel in der Leichenhalle.
Durch ihre Reise erhält das individuelle Schicksal der jungen Frau jedoch eine historische und politische Dimension, da sie mit der Geschichte Namibias konfrontiert wird: Zum einen mit den Spuren der Apartheid, da Namibia von 1915 bis 1990 von Südafrika besetzt war, zum anderen aber auch mit den Spuren des Widerstands gegen den Völkermord an den Herero und Nama, der in der damaligen deutschen Kolonie DeutschSüdwestafrika (1884 - 1915) unter Führung des preußischen Generals Lothar von Trotha mit Unterstützung des deutschen Kaisers Wilhelm II. begangen wurde.
In dem Diouf von diesen tiefen, anhaltenden Wunden spricht, die Kolonialismus und Rassismus geschlagen haben, und wie sie von ihnen spricht, tut sie das Einzige, was vielleicht zumindest ein bisschen dabei helfen kann, kaum heilbaren Wunden zu heilen: Sie holt sie aus dem Verdrängten, Verschwiegenen, Vergessenen in unser Bewusstsein, und sie tut das auf so poetische und einfühlsame Weise, dass sie uns beim Hören berühren und uns dazu bewegen, über die Ursachen dieser Wunden nachzudenken, sie besser zu verstehen, uns zu ihnen zu verhalten und Verantwortung zu übernehmen. Zu dieser Wirkung der Hörspielfassung von Dioufs Text (in der gelungenen Übersetzung durch Anette Bühler-Dietrich) tragen insbesondere die herausragende schauspielerische Leistung von Abak Safei-Rad und die gekonnte Inszenierung von Christine Nagel bei: Zum einen bringt uns Abak Safei-Rad die Erzählstränge mit ihrem mal sanften, mal entschlossenen und immer überzeugenden Stimmeneinsatz sehr nahe und lässt uns so an der konkret und plastisch ausgeformten Erzählung intensiv teilhaben. Zum anderen werden die ineinander verwobenen Erzählstränge mittels Gesängen von Hereros, dezenter Musik und ausgewählten Geräuschen dramaturgisch und in puncto Dynamik präzise von Christine Nagel in Szene gesetzt. Somit überzeugt Pisten von Penda Diouf gleich mehrfach auf den unterschiedlichen Ebenen als Hörspiel des Monats Juni 2022.

Hörspiel des Monats Juni 2022
Pisten
Hörspiel von Penda Diouf
Übersetzung aus dem Französischen: Anette Bühler-Dietrich
Regie: Christine Nagel.
Mit: Abak Safei-Rad. Musik: Niko Meinhold. Gesang: MFA Kera, Naima Schmitt und Diane Davenport sowie Kinder der Märkischen Grundschule BerlinReinickendorf
Produktion: NDR 2022.

Penda Diouf ist Autorin, Dramatikerin und Librettistin. Mit Anthony Thibault gründete sie das Label „Jeunes Textes en Liberté“, ein Theaterfestival für zeitgenössische, unterrepräsentierte Dramatik. Sie ist Mitglied im Centre Dramatique National de Valence, wo sie zahlreiche Schreibwerkstätten leitet.

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