Hörspiel des Monats März 2022

All right. Good night.

54:07 Minuten
"All right. Good night." erzählt in zwei Fällen vom Verschwinden, von der Suche und dem Ringen mit der Ungewissheit. Zu sehen: Eine Nebelwand.
"All right. Good night." erzählt in zwei Fällen vom Verschwinden, von der Suche und dem Ringen mit der Ungewissheit. © EyeEm / Kai Pong Ho
Von Helgard Haug · 04.06.2022
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"All right. Good night." erzählt in zwei Fällen vom Verschwinden, von der Suche und dem Ringen mit der Ungewissheit. Es sind Protokolle eines unumkehrbaren Prozesses.
Der internationale Passagierlinienflug MH370 der Malaysia Airlines startete am 8. März 2014 mit 227 Fluggästen und zwölf Crewmitgliedern von Kuala Lumpur zu ihrem Zielort Peking: Unspektakuläre Routine für 39 Minuten und 13 Sekunden. Dann verschwand das Flugzeug vom Radar. Der vermeintlich letzte Funkspruch aus dem Cockpit: "All right. Good night."
Zur gleichen Zeit in Deutschland: Kurz nach dem Flugzeug-Unglück schreibt der Vater der Autorin und Regisseurin dieses Hörspiels seinem Enkel vier Glückwunschbriefe zum Geburtstag. Der Inhalt fast identisch; jeder Umschlag mit Sondermarke frankiert. Ein Jahr später kommt gar keine Karte, der Geburtstag ist wohl vergessen worden. Und irgendwann bekommt diese Vergesslichkeit einen Namen und wird zur Krankheit: Demenz. Der Name des Enkels verschwindet, dann die Tatsache, dass es einen Enkel gibt und schließlich die Gewissheit über die eigene Person.
Das Hörspiel wurde von der Deutschen Akademie der Künste in Frankfurt am Main zum Hörspiel des Monats März 2022 gekürt.

Begründung der Jury:
Das Hörspiel „All right. Good night“ der Autorin und Regisseurin Helgard Haug des Performancekollektivs Rimini Protokoll möchte das Unfassbare fassbar machen. Unfassbar zum einen ist das heute noch unaufgeklärte Verschwinden der Maschine des Flugs MH 370 der Malaysia Airlines von Kuala Lumpur nach Peking im März 2014 - mit seinen insgesamt 239 Todesopfern. Unfassbar zum anderen ist der schleichende Prozess der „Volkskrankheit“ Demenz, der Erkrankte wie Angehörige gleichermaßen betrifft und auch zeichnet, körperlich wie psychisch.
Auf der einen Seite steht die Geschichte einer einzelnen Person im Vordergrund. Es handelt sich um den Vater der Autorin, dessen vor etwa acht Jahren festgestellte Demenzerkrankung und den persönlichen Umgang mit dieser Krankheit: ein Schicksal, das allein in Deutschland millionenfach geteilt wird. Der schleichende und unaufhaltsame Krankheitsprozess kommt in persönlichen Notizen und Beobachtungen zum Ausdruck: „Er [der Vater] schreibt: ‚Stellt mir bitte direkt die Fragen, die ihr habt, ich möchte in der Krankheit nicht untergehen und ein unselbstständiges Objekt werden. Ich bitte Euch um Nachsicht für meine Fehler und Patzer, geht bitte erst einmal davon aus, dass es nicht Absicht ist, sondern Folge der Krankheit oder Ausdruck meiner Verwirrung und der Scham darüber.‘“
Auf der anderen Seite steht das kollektiv erfahrene Unglück der beim Flugzeugabsturz umgekommenen Personen im Vordergrund sowie exemplarisch die Suche eines Angehörigen, der dabei seine Familie verlor, nach Wahrheit, nach Gewissheit: „Ghyslain Wattrelos schreibt seiner verschollenen Frau und seinen Kindern. Nachrichten. Täglich. Täglich. Vielleicht empfangen sie ja diese Nachrichten, dort, wo sie jetzt sind, sagt er.“
Jene scheinbar unvereinbaren Erzählstränge werden im Hörspiel „All right. Good night“ von Helgard Haug mal parallel geführt, mal intelligent miteinander verknüpft und gleichberechtigt ineinander verwoben. Es werden darin Themen wie Vergessen, Verschwinden oder auch Verantwortung verhandelt. Die Balance zwischen nüchterner, sachlicher Beschreibung und der Darstellung des Kampfs der einzelnen Personen gegen das Verschwinden und Vergessen wird im Laufe des Stücks nahezu immer ohne allzu großes Pathos gewahrt - verstärkt von der sehr präsenten, einem Requiem gleichenden Musik (Komposition: Barbara Morgenstern). Der Text, die Musik und die Stimmen des Sprecherinnen-Ensembles erzeugen letztlich beim Hören einen starken Sog, dem man sich als Hörerin und Hörer nicht entziehen kann.
Blickt man zudem auf die bisherigen Theater- und Radioarbeiten von Helgard Haug und Rimini Protokoll zurück, vollzieht sich mit diesem Stück ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Nicht außenstehende Expertin und Experte des Alltags sind hier im Fokus, sondern es ist die persönliche Perspektive der Autorin und Regisseurin, die nun - gleichsam als Expertin des Alltags - den größten Raum der Erzählung einnimmt.
Die Autorin Helgard Haug.
Die Autorin Helgard Haug. © Mara von Kummer

Hörspiel des Monats März 2022
All right. Good night.
Von Helgard Haug

Regie: die Autorin
Mit Emma Becker, Evi Filippou, Margot Gödrös, Mia Rainprechter
Komposition: Barbara Morgenstern
Technische Realisation: Olaf Dettinger
Produktion WDR 2022
Länge: 54'00

Helgard Haug, Autorin, Regisseurin und Mitbegründerin von Rimini Protokoll. In unterschiedlichen Konstellationen entwickelt sie unter diesem Label – das sie gemeinsam mit Stefan Kaegi und Daniel Wetzel gegründet hat – Bühnenstücke, Interventionen, szenische Installationen und Hörspiele. Ihre letzte Arbeit "All right. Good night." wurde zum Hörspiel des Monats März 2022 gekürt.

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